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Raw Ciner zu Parschat Re'eh 5764

Ein gesegnetes Abenteuer

„Siehe, Ich lege heute Segen und Fluch vor dich…“ [Devarim 11:27].

Dies beschreibt eine ähnliche Situation wie bei einer Person, die vor einer Weggabelung steht. Es gibt zwei mögliche Wege. Ein Weg ist am Anfang gerade und am Ende voller Dornen. Der andere ist am Anfang voller Dornen und am Ende gerade. Man warnt die Vorübergehenden: “Gebt Acht, dieser Weg ist nur während zwei, drei Schritten gerade, zum Schluss wird er dornig. Der andere Weg ist zu Beginn während zwei, drei Schritten dornig, wird jedoch gegen Ende gerade.“

Genauso sprach Mosche zu Israel: „ Seht, schlechte Menschen sind in dieser Welt für eine gewisse Zeit erfolgreich, am Schluss folgt jedoch die Enttäuschung … Gute Menschen müssen sich in dieser Welt abmühen, am Ende werden sie jedoch frohlocken. (Midrasch Devarim Piska)

Wahrscheinlich ist der Zusammenhang schon klar, es wäre jedoch interessant herauszufinden, welches Wort im Vers den Ansporn für diese kurze Geschichte über trügerische Wege gab.

Der Chovot HaLevavot (Pflichten des Herzens) erzählt eine kleine Anekdote über zwei Brüder und ihre unterschiedlichen Anlagestrategien. Beide erbten Landstücke, die den gleichen Arbeitsaufwand erforderten. Einer verdingte sich für einen Teil des Tages, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Wenn er etwas Zeit fand, bearbeitete er jedoch sein eigenes Land. Wenn er genug verdient hatte, nutzte er seine Zeit, um das geerbte Land zu verbessern. Nach ein paar Jahren reichte sein eigenes Stück Land, um damit seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Er nahm nur das Nötigste für sich und benutzte das restliche Geld, um mehr Grundstücke zu kaufen und zu bearbeiten. Zum Schluss konnte er dank der harten Arbeit seiner Hände in Wohlstand leben.

Der andere Bruder war nicht so überlegt. Anfangs arbeitete auch er für andere. In seiner Freizeit ging er jedoch dem Vergnügen nach und faulenzte herum. Mit dem Geld, das in seiner Tasche klimperte und der Zeit, die ihm zur Verfügung stand, jagte er allen möglichen Vergnügungen nach. Sein Feld lag nicht nur brach, sondern wurde mit der Zeit immer mehr überwuchert und immer weniger nutzbar. Der Zaun riss schliesslich und Regenwasser schwemmte fruchtbaren Boden davon. Gesunde Bäume gingen ein. Seine schlechten Eigenschaften waren verantwortlich dafür, dass er zeitlebens verschuldet und von den anderen abhängig war. Armut war sein ständiger Begleiter.

Der Chovot Halevavot erklärt: „ Ein weiser und einsichtiger Mensch wird die geistige Dimension dieser Welt und ihre Feinheiten erfassen. Er wird dieses Wissen wie die Stufen einer Leiter dazu benützen, Beweise der Existenz seines Schöpfers zu sammeln und Ihm zu dienen. Er wird aus den materiellen Elementen dieser Welt die Dinge auswählen, die seinem körperlichen Wohlbefinden zuträglich sind und sein Überleben sichern, aber nur soweit sie seinen Bedürfnissen entsprechen und seinen Lebensunterhalt gewährleisten. Er wird den Luxus und die Kostbarkeiten dieser Welt nicht beachten, die sein Herz von G’tt abwenden und wird sich bemühen, an seinem endgültigen Ziel und Zuhause zu bauen.

Wer die Wege dieser Welt nicht kennt und die Weisheit, die sich dahinter versteckt, nicht erkannt hat, betrachtet diese Welt als seine ewige Bleibe und sein Zuhause. Alle seine Bemühungen gelten ihr und sein Herz und alle seine Kräfte sind auf sie ausgerichtet. Er denkt, dass dies seinen Interessen am besten dient. Er sieht nicht, dass das Resultat aller seiner Bemühungen und alle seine zusammengerafften Besitztümer auf andere übergehen werden… und so vernachlässigt er alle seine Interessen in der nächsten Welt.“

Der Vers „Siehe, Ich lege heute vor dich Segen und Fluch“ lehrt das grundlegende Konzept des „freien Willens“. Die Zeit zu wählen und zu handeln ist „heute“. Das „Heute“ dieser Welt ist jedoch versteckt hinter einer dicken Wand von Materialismus. Man kann sich an die Flimmerkiste verlieren und Abend für Abend in den Bann einer leuchtenden Mattscheibe gezogen werden. Die lebenswichtigen Energien der Jugend werden für Dinge verschwendet, die sich schliesslich als grosse Enttäuschung entpuppen.

Die Kunst ist, im weltlichen Treiben des „Heute“ die Existenz einer tiefen Weisheit zu erkennen und von dieser Erhabenen Quelle der Weisheit immer stärker fasziniert zu sein. Sicher ist dies der schwierigere Weg als einfach Herumzuzappen, aber er führt uns zu glücklicheren Ergebnissen und macht jeden einzelnen Tag zu einem gesegneten Abenteuer.


Quellen und Persönlichkeiten:
Chovot Helevavot: Pflichten des Herzens; geschrieben von Rabbi Bachjeh Ibn Pakuda im Spanien des 11. Jahrhunderts. Ursprünglich in Arabisch; wurde von Rabbi Jehudah Ibn Tibbon im 12. Jahrhundert ins Hebräische übersetzt.



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