Raw Frand zu Parschat Noach 5766 (Beitrag 1)

Sünden, welche im Verborgenen begangen werden, führen schlussendlich zu einer gewalttätigen Gesellschaft

Zu Beginn unserer Parscha sagt der Pasuk: „Und die Erde wurde vor G’tt verdorben; und die Erde wurde von Gewalt erfüllt.“ [Bereschit 6:11] Wenn wir den Pasuk genau lesen, erkennen wir eine Abfolge von Ursache und Wirkung, die zum Niedergang der Generation vor der Sintflut führte.

Der erste Teil des Pasuks deutet an, dass die Gesellschaft zuerst nur dort auf Abwege geriet, wo es nur „vor G’tt“ erkennbar war. Der Talmud [Sanhedrin 57a] verbindet das Wort, welches in diesem Pasuk für „Verdorbenheit“ (Haschchasa) gebraucht wird, mit Götzendienst und Unzucht.

Die am Anfang beschriebene Verdorbenheit war nicht allumfassend. Sie war auf bestimmte Verbrechen beschränkt, welche zurückgezogen im Götzentempel oder in der Privatsphäre des eigenen Gemaches ausgeübt wurden. Nur G’tt waren diese Verbrechen bekannt. Der Pasuk fährt jedoch fort, dass die ganze Erde wegen diesen „privaten/persönlichen“ Sünden schliesslich mit Raub und Gewalt (Chamas) erfüllt wurde.

Die Lehre, die wir ziehen können, ist, dass verwerfliche Taten, welche erwachsene Menschen in bestem Einvernehmen im privaten Wohnraum begehen, die Gesellschaft sehr wohl beeinflussen. Es ist nicht wahr, dass es mich nichts angeht, was „hinter verschlossenen Türen“ vor sich geht. Die Gesellschaft zerfällt, wenn Gewalt und Verdorbenheit hervorbrechen. All dies ist eine direkte Folge von früheren sittlichen Verstössen, welche nur „vor G’tt“ geschahen.

Ich weiss nicht, ob sich diese Lehre vor 100 Jahren so selbstverständlich angehört hätte. In der heutigen Welt braucht es jedoch nicht viel Intelligenz, um in unserer eigenen Umgebung zu beobachten, wie wahr der vorher erwähnte Pasuk ist.

Im Jahre 1940 gab es in der Stadt New York ganze 39 Morde. Heute sind diese Zahlen in die Höhe geschnellt. Hätte jemand, der in den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts in der Stadt New York gelebt hat, eine Zeitkapsel betreten und wäre 60 Jahre später im heutigen New York gelandet, so hätte er sich wohl überrascht die Augen gerieben. Die Menschen ängstigen sich in der Untergrundbahn. Die Türen gewöhnlicher Privatwohnungen sind doppelt und dreifach verriegelt, als ob sich Fort Knox (die Lagerstätte der amerikanischen Goldbarren) dahinter befinden würde. Unser Zeitkapsel-Tourist würde über Autokleber „Kein Autoradio“ staunen. Er würde sich darauf keinen Reim machen können. „Wieso macht jemand öffentlich bekannt, dass er so arm ist, dass er sich kein Autoradio leisten kann?“

Wir könnten es nicht verkraften, wenn wir plötzlich unser Leben aus einer Gesellschaft vor fünfzig oder sechzig Jahren, in die heutige Zeit verlegen zu müssen. Wenn wir jemandem 1940 gesagt hätten, dass er einen Knüppel im Wagen mitführen müsse, dass seine Kinder nicht zu Fuss zur Schule gehen könnten, dass er eine Vielzahl von Sicherungseinrichtungen um sein Haus herum benötige und dass es unmöglich sei, in der Nacht mit der Untergrundbahn zu fahren – kurzum: die heute absolut notwendigen Verhaltensvorkehrungen in New York – so hätte er gesagt: „Es ist für mich unvorstellbar, in solch einer Gesellschaft zu leben.“

Aber Millionen von Menschen leben genau unter solchen Bedrohungen und Unannehmlichkeiten. Wieso? Weil die Niedergang stufenweise geschah. Was geschah nach 1940? Eines der Dinge, welche geschahen, war die sogenannte „häusliche Revolution“. Die Menschen stellten sich auf den Standpunkt, dass alles, was einvernehmlich zwischen erwachsenen Menschen in ihrem eigenen Zuhause geschieht, die anderen nichts angeht. „Was ich alleine tue, hat keine Auswirkung auf die Gesellschaft.“

Die heutige westliche Gesellschaft ist der lebende Beweis für die Lehre des Pasuks, welcher beginnt „und das Land wurde verdorben vor G’tt.“ Auch wenn die Sünden, welche von den Menschen begangen werden, nur für G’tt sichtbar sind, werden sie die Gesellschaft derart prägen, dass die Erde am Ende von Gewalt erfüllt ist. Wenn die Menschen Angst haben, auf der Strasse zu Fuss zu gehen, ist das ein Zeichen von „die Erde wurde von Gewalt erfüllt“. Wenn es nachts 10 Streifenwagen für eine Wohngegend braucht, weil sich die Menschen vor Raub und Bandengewalt fürchten, ist dies eine Manifestation von „die Erde wurde von Gewalt gefüllt“. All dies begann wegen den Sünden, die „nur vor G’tt“ begangen wurden.



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