Kislew
/Paraschat Wajeze

 Aus Sefer Hatoda’a / Das Jüdische Jahr. Bearbeitet und ergänzt von S. Weinmann

Schemini Azeret

Schemini Azeret ist ein Fest für sich, an das Sukkotfest angeschlossen, aber unabhängig von ihm. Darum wird auch der Segensspruch "Schehechejanu" gesagt. Die Frau spricht ihn beim Lichterzünden, nach dem Segensspruch "Lehadlik Ner Schel Jom Tow", und der Mann beim Kiddusch nach dem Abendgebet.

Der Ursprung des Namens "Schemini Azeret" befindet sich in der Tora. "Bajom Haschemini Azeret Tihje lachem… am achten Tag soll euch ein Fest des Zurückhaltens sein …" (Bamidbar 29, 35). Raschi erklärt hierzu drei Erklärungen: 1. Sich zurückhalten in der Arbeit (keine Arbeit verrichten wegen des Feiertages). 2. Sich zurückhalten Jeruschalajim zu verlassen (eine Nacht muss noch dort nach Festende übernachtet werden) 3. Der aggadische Midrasch sagt "Zurückhalten" – dies ist ein Ausdruck der Liebe, es ist dies wie das Abschiednehmen eines Sohnes von seinem Vater. Der Vater sagt: "Der Abschied fällt mir schwer, verweile bitte noch einen Tag bei mir (den Feiertag Schemini Azeret, nach Abschluss von Sukkot)."

Eine andere Erklärung sagt: "Warum verweilt man noch einen Tag?" Raw bringt hierzu ein Gleichnis: Ein König veranstaltet ein Fest. Da kommen seine Diener, die Angestellten seines Hauses, und bezeugen ihm Ehrerbietung. Da sagt eine Adelige zu ihnen: Nützt doch diese Festesstimmung aus. Leget doch eurem König all eure Bitten vor! So will auch die Tora damit Jisrael einen Hinweis geben: Bringet doch jetzt eure Anliegen vor. (Das jüdische Volk hatte während des Sukkot-Festes – durch das Darbringen der siebzig Stiere – soeben  die Bitte ausgesprochen, den siebzig nichtjüdischen Nationen der Erde ein gutes Leben und Freude zuteilwerden zu lassen, für sich selbst hatten sie nichts verlangt.) Darum wurde dieser Tag des "Zurückbleibens" für das jüdische Volk hinzugefügt, um ihnen die Gelegenheit des Vorbringens ihrer Anliegen zu geben. Dies ist der achte Tag. Es heisst doch "lachem" – für euch (Jalkut Pinchas 782).

Rabbi Levi sagt: Während allen Sommermonaten wollte G"tt Jisrael Feste geben. Im Nissan gab Er ihnen Pessach, im Ijar gab Er ihnen "Pessach Katan", im Siwan gab Er ihnen Schawuot. Er wollte ihnen im Tamus ein grosses Fest geben, doch da fertigten sie das Goldene Kalb an und die Auswirkungen sind bekannt. Darum konnte Er ihnen im Tamus, Aw und Elul keine Feste geben. Doch im Tischri machte Er alles wieder gut: Rosch Haschana, Jom Kippur und Sukkot. Da sagte der Heilige, gelobt sei Er: Für die drei Monate habe Ich ihnen im Tischri einen Ersatz gegeben, soll er nun nicht auch ein eigenes Fest haben? So gab Er ihm den Schemini Azeret.  "Bajom Haschemini Azeret Tihje Lachem" (Pesikta Deraw Kahana, Buber).

Die Vorschriften für diesen Tag sind die gleichen wie für die anderen Feiertage.

Ein besonderes Opfer

Obwohl Schemini Azeret ein selbständiger Feiertag ist, genau wie Pessach, Schawuot und Sukkot, ist die Darbringung des Mussafopfers nicht die gleiche. [Siehe Bamidbar 28:16-29:38] Am Pessach brachte man als zusätzliches Opfer (Mussaf): Zwei Stiere, einen Widder, sieben Lämmer und einen Ziegenbock. Das gleiche galt für Schawuot. Am Sukkot brachte man siebzig Stiere während den sieben Festtagen dar, ausser den zwei Widdern, vierzehn Lämmer und einen Ziegenbock an jedem der sieben Festtage. Wir sehen also, dass es am Sukkot mehr Opfer gab als an den übrigen Festtagen. Doch es gibt keinen Feiertag, an dem man nur einen Stier zu Mussaf darbrachte, ausser am Schemini Azeret.

Hierzu bemerken unsere Weisen in Midrasch Rabba 21: "Ein König bereitete ein grosses Fest während sieben Tagen und lud dazu alle Leute seines Volkes zum Festessen ein. Als die sieben Tage zu Ende waren und alle wieder gegangen waren, sagte er zu seinem Freund: Wollen wir doch nun alleine feiern. Nehmen wir doch, was vom grossen Festessen übriggeblieben ist, ein Pfund Fleisch, ein Pfund Fisch oder ein wenig Gemüse. So sagt auch der Heilige, gelobt sei Er, zu Jisrael: Nehmt nun doch von dem, was noch zu finden ist (nach so vielen Opfern), einen Stier und einen Widder."

Darum gleich das Opfer von Schemini Azeret nicht den übrigen Opfern der Wallfahrtsfeste. Es gleicht jedoch den Mussafopfer von Rosch Haschana und Jom Kippur, denn auch dort heisst es ibid.]: Ein Stier, ein Widder und sieben Lämmer.

Dies ist ein Hinweis für das, was unsere Weisen uns in Bezug auf diesen Tag lehren. Dieses Fest ist auch ein Fest der Sühne und der Vergebung und der Besiegelung des Schicksals unseres Volkes im Hinblick auf das kommende Jahr.

Wichtig ist das Gebet vor Toresschluss

Im heiligen Sohar und in den Midraschim steht geschrieben, dass die endgültige Besiegelung des Schicksals am frühen Morgen des Schemini Azeret stattfindet. Im Midrasch finden wir auch, dass Mosche Rabbenu vor seinem Tod 515 Gebete an G"tt richtete, damit Er ihm doch gestatte, ins Heilige Land zu kommen. Das Wort "Wa'etchanan – und ich (Mosche) flehte" [Dewarim 3:23] hat den Zahlenwert von 515. Mehr Gebete richtete er dann nicht mehr an G"tt, denn Er sprach zu ihm: " … Raw Lach … Genug, sprich zu Mir nicht mehr von dieser Sache" [ibid. 3:26]. Hätte Mosche nämlich noch ein Gebet hinzugefügt, hätte G"tt seine Bitte billigen "müssen". Doch Mosche nahm das Verhängnis G-ttes über ihn an und betete nicht weiter. Auch sagen unsere Weisen im Talmud [Berachot 32b], dass die Gerechten mit ihren Gebeten eine Stunde innehalten. Wir können nun diese alle Midraschim verbinden:

Wann hatte Mosche all diese Gebete zu G"tt gerichtet? Es war dies im letzten Jahr der Wüstenwanderung, im vierzigsten Jahr. Wann hatte er mit den Gebeten begonnen? Am Rosch Haschana dieses Jahres, da G"tt dann hartes Urteil spricht, oder Gnade walten lässt. Wieviele Stunden sind es von Rosch Haschana bis zum Morgen von Schemini Azeret? Genau 516 Stunden. Multipliziert man 21, die Tage von Rosch Haschana bis Schemini Azeret, mit 24, ergibt dies 504. Rechnet man noch die 12 Stunden der Nacht von Schemini Azeret hinzu, sind es genau 516 Stunden. Während all dieser Stunden betete Mosche, in jeder Stunde ein Gebet. Doch in der letzten Stunde, vor der endgültigen Besiegelung, hielt er sich zurück. Hätte er sein Flehen noch eine Stunde (um ein zusätzliches Mal) weitergeführt, wäre es für den Heiligen, gelobt sei Er, schwer gewesen, das Gebet des Zaddiks zurückzuweisen … (im Namen des Rabbi von Ostrowza).

Das Gebet für Regen

"Während des Sukkotfestes wird über das Wasser Urteil gesprochen." [Traktat Rosch Haschana 16a] Darum sollte man eigentlich schon am ersten Tag Sukkot für den Regen beten, sowie man auch am ersten Tag Pessach um Tau bittet. Am Pessach wird nämlich über das Getreide Gericht gehalten, und der Tau ist nötig, um eine gute Ernte zu bewirken. Um Regen bittet man aber erst von Schemini Azeret an. Während der Sukkot-Festtage deutet man nur leise an, G"tt möge den Regen zur rechten Zeit geben: Mit den Arba Minim (vier Arten), die am Wasser wachsen, mit dem Wassergiessen auf dem Altar und mit den Murbiot schel Arawa (Bachweidenzweigen), mit denen man den Altar umkreist. Im Gebet aber wird der Regen nicht ausdrücklich erwähnt. Warum?

Unsere Weisen sagten: Der Tau, um den man am Pessach bittet, ist immer ein Zeichen des Segens für die Welt, und man bittet darum, er möge auch in der Festzeit fallen. Der Regen aber, so betet man, möge zur rechten Zeit fallen, und nicht während der Sukkottage. Wenn Regen am Sukkot fällt, so ist dies ein Zeichen des Fluches, denn wie könnte man die Mizwa von [Wajikra 23:42] "BaSukkot tejschwu… - wohnet in der Sukka" erfüllen. Wenn es am Sukkot regnet, würde dies bedeuten, dass G"tt diese Mizwa nicht wohlwollend aufnimmt, als wollte Er damit sagen: Ich bedarf nicht eures Dienstes. Und so sagen unsere Weisen in Sukka 28b: "Womit wäre dies zu vergleichen? Mit einem Diener, der seinem Herrn Wein einschenken möchte, und dieser schüttet den Inhalt des Kruges dem Diener ins Gesicht."

Weil der Regen am Feiertag kein Zeichen des Segens ist, erwähnt man ihn erst am Schemini Azeret im Gebet. Wenn nun Jisrael die Sukka verlässt und wieder in die Häuser zurückkehrt, wenn sie am nächsten Morgen in die Synagogen gehen, richten sie zu Mussaf ein Gebet an den Heiligen, gelobt sei Er, und bitten Ihn, Er möge doch Seine "Schatzkammer" – den Himmel – öffnen, damit alles, was auf dem Boden wächst, gedeihe und spriesse, und somit der Ertrag der Erde segensreich sei.

Obwohl dieses Gebet für den Regen am Schemini Azeret gesagt wird, bittet man noch nicht darum, dass G"tt ihn sofort fallen lassen möge. Man erwähnt ihn nur, um G"ttes Lob zum Ausdruck zu bringen, und fügt ihn im Abschnitt "Ata Gibor" (2. Beracha der Schemone Esre) hinzu und sagt: "Maschiw Haruach umorid Hageschem - Der den Wind wehen lässt und den Regen sendet". Jedoch in der Beracha "Baruch Alejnu", den man am Ausgang des Festes betet, bittet man noch nicht um Regen, sondern sagt wie gewöhnlich: "Weten Beracha – und gib Segen". Die Einschaltung "weten Tal Umatar - gebe bitte Tau und Regen" wird erst ab dem 7. Cheschwan eingefügt, damit die Pilger, die zu den Wallfahrtsfesten nach Jeruschalajim gekommen waren, noch vor den ersten Regengüssen heimkehren konnten.

Gewurot Geschamim – die Kraft des Regens

Die zweite Beracha der "Amida" – der Schemone Essre – in der von der Wiederauferstehung der Toten die Rede ist, wird "Gewurot" genannt, weil darin G"ttes Lob zum Ausdruck gebracht wird über Seine Machttaten, die Er der Welt zuteilwerden lässt: Er versorgt alle Lebenden, Er lässt die Toten wiederauferstehen, Er stützt die Fallenden, heilt die Kranken und befreit die Gefangenen. Auch der Regen, den G"tt zur rechten Zeit sendet, gehört zu diesen Machttaten.

Und noch mehr: Die  Bitte um Regen wird noch vor allen anderen "Gewurot" eingeschaltet, denn der Regen, den G"tt sendet, ist die wichtigste aller Machttaten. Vom Regen hängt das Gedeihen des Bodenertrags ab, er schenkt damit allen Bewohnern der Erde das Leben. Pflanzen und Bäume, die zu vertrocknen drohen, werden durch den Regen wieder belebt, neues Leben erwacht überall, die Fallenden werden wieder aufrecht stehen, den Kranken wird Heilung zuteil. Wenn alles wieder frisch wird, so ist dies gleichsam "Belebung der Toten", denn die Samen, die in der Erde "begraben" sind, spriessen, wachsen und gedeihen durch die Regenfälle.

Regeln, die die Einschaltung von "Maschiw Haruach" betreffen

Während des Mussafgebetes am Schemini Azeret beginnt man "Maschiw Haruach umorid Hageschem" zu sagen. In den Gemeinden, in denen bei der Wiederholung des Mussafgebetes "Tefillat Geschem" gebetet wird, pflegt der Vorbeter vor Beginn des leisen Gebets "Maschiw Haruach" auszurufen. Wenn nicht, beginnt man mit der Einschaltung von "Maschiw Haruach" erst beim Minchagebet. Ein Kranker, der zu Hause für sich betet, oder Dorfbewohner, die nicht im "Minjan" – einer Gemeinschaft von zehn Männern über 13 Jahren – beten können, warten mit dem Mussafgebet, bis sie sicher sind, dass die Gemeinden in der Stadt es schon gebetet haben, und fügen erst dann in ihrem Gebet "Maschiw Haruach" hinzu.

Diese Einschaltung wird von nun an tagtäglich gesprochen, bis zum Mussafgebet des ersten Pessachtages.

Nach Minhag Aschkenas

Hat man aus Versehen die Einschaltung an der erwähnten Stelle nicht gesagt, erinnert man sich aber noch vor der abschliessenden Beracha "Mechaje Hametim" daran, so kann man noch "Maschiw Haruach" da einfügen und dann die Beracha sagen. Erinnert man sich aber erst später daran, hat aber "Ata Kadosch" noch nicht begonnen, kann man es noch dort hinzufügen. Wenn man sich aber erst danach erinnert, so muss man mit der ganzen "Tefilat Amida" noch einmal beginnen.

Wenn man schon die ganze " Tefilat Amida" gesprochen hat und nicht sicher ist, "Maschiw Haruach" gesagt zu haben, gilt folgende Regel: Sind mehr als dreissig Tage seit Schemini Azeret vergangen, ist anzunehmen, dass man es gesagt hat. Innerhalb der dreissig Tage aber ist anzunehmen, dass es vergessen wurde und muss die Amida nochmals wiederholen.

Nach Minhag Sefard

Wer aber während des Sommers "Morid Hatal" zu sagen pflegt und dies aus Versehen auch im Winter gesagt und den Segensspruch schon beendet hat, wiederholt die Tefilla nicht, weil er Tal erwähnt hat.

Wer am 1.Tag Pessach zu Maariw, Schacharit oder Mussaf schon "Morid Hatal" gesagt hat, obschon zum Gebet noch immer "Maschiw Haruch umorid Hageschem" gehört, wiederholt die Tefilla nicht, da an diesem Tag Tal in der Wiederholung von Mussaf und im Minchagebet erwähnt wird.

Simchat Tora

Simchat Tora und Schemini Azeret fallen auf den gleichen Tag. In der Diaspora – ausserhalb von Erez Jisrael – aber werden sie an zwei Tagen, wie die anderen Festtage, gefeiert. Am ersten Tag wird beim Gebet das Hauptgewicht auf die Festtagsfreude und das Gebet für Regen gelegt. Der zweite Tag wird hauptsächlich der Freude an der Tora gewidmet. In Erez Jisrael aber, wo es keinen zweiten Festtag gibt, so wie alle Feste nur einen Tag lang gefeiert werden, steht die Freude mit der Tora an erster Stelle, gemeinsam mit den Anordnungen, die Schemini Azeret betreffen.

Schemini Azeret steht in engem Zusammenhang mit Sukkot, genauso wie Azeret – das Schawuotfest – mit Pessach verbunden ist.

Am Pessach erhielt das jüdische Volk die Freiheit. Es hatte die Zeichen und Wundertaten G"ttes gesehen und alle eindrucksvollen Geschehnisse, die der Heilige, gelobt sei Er, an den Ägyptern und an Pharao verübt hatte. Da glaubte es an G"tt und Seinen Diener Mosche. Danach wartete es fünfzig Tage, bis die Ehrfurcht vor G"tt fest in sein Bewusstsein eingedrungen war, und, begleitet von Donner und Blitz, schloss es den Bund der Tora mit dem Schöpfer der Welt. Dies geschah in eindrucksvoller Weise, damit es G-tt im Herzen bewahre und sich vor Sünden hüte.

Am Sukkotfest erreicht das jüdische Volk Freiheit der Seele, Befreiung vom Jezer Hara – dem bösen Trieb, denn es wurde durch Jom Kippur von seinen Sünden befreit und geläutert. So wendet es sich G"tt zu, tritt freudig und voller Liebe in die Hütten unter die Fittiche Seiner Treue. Da nun die Liebe zu G"tt und die Freude mit Ihm neu erwacht ist, widmet es sich wieder der Tora, erneuert diesen Bund mit der Tora in Liebe und Freude, welche es weiterhin während des ganzen Jahres, zu jeder Zeit, weiterträgt. Dieser Bund, den es nun schliesst, ist weder von Donner und Blitz noch von Zittern und Beben begleitet. Er wird in Freude, mit Gesang und Tanz gefeiert.

Darum ist es Brauch, dass man am Schemini Azeret der Freude mit der Tora Ausdruck verleiht, an dem Fest, das sich dem Sukkoktfest anschliesst. Schemini Azeret ist wie Azeret – das Schawuotfest. So wie am Schawuot der Bund mit der Tora zelebriert wird, so ist Schemini Azeret auch ein Feiern des Bundes mit der Tora. Beim ersten Azeret handelt es sich um körperliche Freiheit, eine Freiheit, die durch Furcht und Ehrfurcht zustande kam. Das zweite Azeret – Schemini Azeret – wird durch Freiheit der Seele und mit Freude und Liebe gefeiert. G"ttesfurcht ist nie vollkommen, wenn sie nicht auch mit Liebe verbunden ist, aber auch Liebe ist erst vollkommen in Verbindung mit Furcht, Das eine ergänzt das andere. So heisst es: "Wegilu biRe’ada … und freuet euch in Beben" (Tehillim 2, 11). Wo Freude ist, muss es auch Zittern geben.

"Eigentlich sollte dieses Azeret – Schemini Azeret – erst fünfzig Tage nach Sukkot gefeiert werden, so wie Azeret – Schawuot – fünfzig Tage nach Pessach fällt. Doch der Heilige, gelobt sei Er, sagte: Es ist Winterzeit, sie können ihr Haus nicht verlassen, um hierher zu kommen. Nun, da sie sich schon hier vor Mir befinden, sollen sie jetzt Azeret feiern (Tanchuma Pinchas 15).

Durch die zeitliche Nähe der beiden Feste erleiden die Menschen keinen Verlust. Hätte man aber das erste Azeret – Schawuot – gleich an Pessach angeschlossen, wäre der Bund nicht gelungen, denn die Furcht war noch nicht fest in ihren Herzen verankert. Bei Sukkot verhält es sich anders. Der Bund, den sie nun mit der Tora schliessen, wird in Liebe geschlossen. Nach der Rückkehr zu G"tt in den Jamim Nora'im – den Hohen Feiertagen – ist die Liebe zu G"tt gefestigt worden. Grösser als die Kraft der Zaddikim ist die Kraft der Ba’alej Teschuwa – der Rückkehrer zu G"tt. Was Zaddikim in sieben Wochen vollbringen, erreichen die Ba’alej Teschuwa in sieben Tagen. Am Sukkotfest wird das ganze Volk Jisrael als Baalej Teschuwa betrachtet, und treten so in aller Kraft an. Dazu verhelfen ihnen auch die Mizwot von Sukka und Lulaw.

Abschluss der Toravorlesung

Die Anordnung, jeden Schabbat aus der Tora vorzulesen, stammt von Mosche Rabbejnu. Nach Mosche waren es die Weisen in jeder Generation, die festlegten, welcher Abschnitt an diesem oder jenem Schabbat vorgelesen werden sollte, wann man mit der Vorlesung von Tora-Abschnitten  zu beginnen hat, und wann man sie alle beendet. Verbreitet ist hauptsächlich der Minhag, die ganze Tora während eines vollen Jahres öffentlich vorzutragen und zu beenden. Die Abschnitte der Tora wurden in 54 "Sidrot", Ordnungen, eingeteilt, nach dem Maximum der Anzahl der Schabbatot, die es in einem Schaltjahr gibt (es hat 56 Schabbatot, jedoch fallen mindestens zwei Schabbatot an Feiertagen). So wird jeden Schabbat eine Sidra vorgelesen. Es kommt aber oft vor, dass an einem Schabbat zwei Abschnitte gelesen werden, z.B. in einem gewöhnlichen Jahr, das nur 50 oder 51 Schabbatot hat. Aber auch in einem Schaltjahr kann es vorkommen, dass zwei Abschnitte gelesen werden, und zwar dann, wenn mehr als zwei Schabbatot auf einen Feiertag fallen. An einem Feiertag wird nicht  der reguläre Wochenabschnitt gelesen sondern es wird ein Abschnitt gelesen, der das jeweilige Thema des Festes behandelt.

Die Sidra "Berejschit" wird am ersten Schabbat nach Schemini Azeret bzw. Simchat Tora gelesen. Man beendet die Vorlesung der Tora in Erez Jisrael am Schemini Azeret und in der Diaspora am zweiten Feiertag, am Simchat Tora. Zu Ehren des Abschlusses wird ein feierliches Essen veranstaltet, man ist fröhlich, tanzt und singt – all dies zu Ehren der Tora. So heisst es: "Wajikaz Schlomo … da erwachte Schlomo und siehe, es war ein Traum gewesen (prophetischer Geist ruhte auf ihm), und als er nach Jeruschalajim kam, trat er hin vor die Bundeslade G"ttes, brachte Ganzopfer dar, bereitete Friedensopfer und machte ein Mahl für alle seine Diener" [Melachim I 3:15]. Hierzu bemerken unsere Weisen in Midrasch Kohelet 1: "Von hier lernen wir, dass man ein Festmahl vorbereitet und sich freut, wenn man das Toravorlesen beendet hat."

Nichts ist uns geblieben, nur diese Tora

Die Weisen der späteren Generationen geben uns einige Hinweise betreffs Simchat Tora und Schemini Azeret: Während der sieben Festtage erfreute sich das Volk Jisrael mit den Mizwot: Lulaw, Etrog, Hadass und Arawa sowie mit dem Wassergiessen und den Umzügen mit den Arawa-Zweigen um den Altar. Wenn nun Schemini Azeret kommt, sagt Jisrael zu G"tt: Heute haben wir weder Sukka noch Lulaw, weder Wassergiessen noch Arawa, nun bleibt uns nur noch die Tora übrig, mit der wir uns erfreuen können.

Die Freude mit der Tora bedeutet die höchste Freude. Es ist eine immerwährende Freude, sie kann nie aufhören, noch verringert werden. Zwar ist der Tempel zerstört und Jeruschalajim verwüstet worden, das Volk Jisrael ist unter die Völker zerstreut worden, doch die Freude an der Tora hat niemals aufgehört und niemals nachgelassen. So sagen unsere Weisen (Berachot 8a): Seitdem das Heiligtum zerstört wurde, blieben G"tt nur noch vier Ellen von der Halacha übrig (gemeint sind die Orte, an denen Tora gelernt wird). Die G"ttliche Anwesenheit ist aber nur an solchen Orten, an denen Freude waltet, dort gibt es weder Trauer noch Zerstörung. Von dem Tag an, an dem das Heiligtum zerstört wurde, ist die ganze Welt öde und wüst geworden. Von der Zerstörung war alles betroffen, selbst die Kraft der Mizwot. Nichts war mehr wie vorher. Nur die Tora und die vier Ellen der Halacha blieben unangetastet. Dort blieb die Freude unversehrt, wie vor der Zerstörung. Darum weilt die Schechina – die G"ttliche Anwesenheit – noch dort und freut sich zusammen mit Jisrael am Simchat Tora.

Jenseits der Zeit

Die Tora benutzt das Wort "Schana – Jahr" im Zusammenhang mit dem Sukkotfest: " … WeChag Ha'Assif Tekufat HaSchana – und ein Fest der Ernte bei der Jahreswende" [Schemot 34, 22]. Ebenso heisst es: "Wechagotem Oto Chag LaSchem Schiw’at Jamim BaSchana … - Feiert es als G"ttesfest sieben Tage im Jahr" [Wajikra 23, 41]. Im Zusammenhang mit den anderen Festen wird das Wort "Jahr" niemals erwähnt. Dies soll uns ein Hinweis sein: Die sieben Sukkottage sind die Grundeinheit des gesamten Jahreszyklus. Alles, was unter den Begriff "Zeit" einzuordnen ist, bewegt sich in einem Zyklus von sieben Tagen, so wie die sieben Schöpfungstage. Jede zusätzliche neue Woche ist nichts anderes als Wiederholung der vergangenen Woche. Eine Woche im Jahr jedoch umfasst alle anderen Wochen. Es ist dies die Woche des Sukkotfestes. Überfluss und Segen des ganzen Jahres entspringen diesen sieben Tagen, und von ihnen nährt sich das gesamte Jahr. Darum heisst es bei diesem Fest "Schiw’at Jamim BaSchana – sieben Tage im Jahr" und "bei der Wende des Jahres".

Die Zahl "acht" jedoch ist jenseits der Zeit, sie steht über der Zeit. Was steht über der Zeit? Damit kann nur die Tora gemeint sein. So soll denn Jisrael, das auch jenseits der Zeitbegrenzung steht, sich mit der Tora, die zeitlos ist, am achten Tag, an Schemini Azeret freuen, am Tag, der ausserhalb und über der Zeit steht. Darum heisst es: "BaJom HaSchemini – am achten Tag - soll euch Azeret sein".

Zwischen Mir und euch

Unsere Weisen sagen über das Opfer von Schemini Azeret, "nur einen Stier" (wie schon erwähnt), mit der Bedeutung, nur eine kleine Mahlzeit, denn der Heilige, gelobt sei Er, sagt: Lasst  uns diese gemeinsam verzehren, kein anderer soll daran Anteil haben. Diese "kleine Mahlzeit" ist eine Anspielung auf die Tora, denn so heisst es, "Tora Ziwa Lanu Mosche Morascha Kehillat Ja’akow – die Lehre, welche uns Mosche geboten, sie ist das Erbgut von Ja’akows Gemeinde" [Dewarim 33, 41]. Lies nicht "Morascha", Erbgut, sondern "Me'urassa", Angetraute. Die Tora ist Jisraels Braut, sie sind Eheleute und freuen sich miteinander wie Braut und Bräutigam. Andere Nationen haben an der Tora keinen Anteil. Die Fürsten aller anderer Nationen erhielten ihren Anteil: den Tau des Himmels und fruchtbares Land, so wie es im Segen Jizchaks an Ejsaw zum Ausdruck kommt. Auch wurden für sie die siebzig Stiere am Sukkot geopfert. Nun kann das Volk Jisrael sich am Simchat Tora alleine an der Tora erfreuen, die in der Schatzkammer des Heiligen, gelobt sei Er, aufbewahrt ist.

Simchat Tora und seine Bräuche

Nach dem Maariwgebet werden alle Torarollen aus dem Toraschrein herausgenommen. Sie werden siebenmal um die Bima herumgetragen, und die ganze Gemeinde tanzt freudig mit. Man bittet darum, dass der Heilige, gelobt sei Er, das Verdienst der sieben treuen Hirten geltend mache, dass unsere Gebete die sieben Himmelssphären durchbrechen, vor den G"ttlichen Thron aufsteigen und in Wohlgefallen aufgenommen werden sollen. Genau so verfährt man auch am Morgen beim Schacharitgebet. In einigen Gemeinden ist es Brauch, ein Licht in den Aron Hakodesch – den Toraschrein – zu stellen, damit der Schrank nicht ohne Licht bleibe. So sei an dem Ort, an dem gewöhnlich das Licht der Tora leuchtet, ein anderes Licht. In vielen Gemeinden ist es Brauch, am Abend von Simchat Tora aus der Tora vorzulesen. An keinen anderen Festabenden wird dies getan. Die Auswahl der Abschnitte ist unterschiedlich. Manche rufen drei Personen für "WeSot HaBeracha" auf, manche lesen drei verschiedene Stellen der Tora, die Segen enthalten: 1. [Bereschit 27:28-29] "Wejiten Lecha … ", den Segen des Himmeltaus, mit dem Jaakow von seinem Vater Jizchak gesegnet wurde, 2. [Bereschit 48:16] "HaMal’ach Hagoel" – den Segen, den Jaakow seinen Enkeln Efrajim und Menasche zuteilwerden liess, und 3. den Priestersegen aus dem Wochenabschnitt "Nasso" [Bamidbar 6:22-27]. Zwischendurch singt die ganze Gemeinde frohe Lieder zu Ehren der Tora.

Beim Schacharitgebet wird "WeSot HaBeracha" gelesen, und da alle Anwesenden aufgerufen werden sollen, wird der Abschnitt mehrere Male wiederholt. Das Vorlesen wird mit dem Aufrufen von drei besonderen Personen beendet. Der erste wird im Namen aller Kinder aufgerufen, bevor die letzten Verse der Tora gelesen werden. Ein junger Mann – er muss schon Bar Mizwa sein, also über 13 Jahre – wird im Namen aller anwesenden Kinder und mit ihnen aufgerufen. Man breitet einen Tallit über sie alle aus, wie eine Chuppa – ein Traubaldachin – und sie rezitieren gemeinsam mit dem aufgerufenen jungen Mann die Beracha über die Tora. Danach sagen alle gemeinsam "Hamalach Hagoel". Der letzte, der zum Sefer Dewarim aufgerufen wird, ist der Rabbiner oder ein ehrwürdiges Mitglied der Gemeinde. Er wird "Chatan Tora" – Bräutigam der Tora – genannt. Es ist, als ob die Tora seine Angetraute sei, und er der Bräutigam der Tora. Ist nun das Vorlesen des letzten Abschnittes der Tora beendet, so ruft die ganze Gemeinde "Chasak Chasak Wenitchasek" aus.

Danach wird der "Chatan Berejschit" zur zweiten Torarolle aufgerufen. Er liest "Berejschit bara …" bis "ascher bara Elokim la'assot" [Bereschit 1:1–2:3]. Nach ihm wird der "Maftir" zur dritten Torarolle aufgerufen, aus der man die Opferordnung des Tages vorliest. "Bajom Haschemini Azeret Tihje …" [Bamidbar 29:35-30:1].

Es ist ein Brauch, dass der "Chatan Tora" die ganze Gemeinde am Simchat Tora zu einer Festmahlzeit einlädt.

Die Tora ist immer neu

Warum beginnt man am Simchat Tora mit dem Anfang von "Sefer Berejschit"? Am drauffolgenden Schabbat wird ja Paraschat Berejschit gelesen! Unsere Weisen sagen: "Dies will uns zeigen, dass die Tora von uns geliebt wird, wie etwas Neues, und nicht wie eine altherkömmliche Anordnung, an die der Mensch gewöhnt ist. Die Tora ist immer wieder neu, und man geht ihr mit Freuden entgegen (Sifri, Paraschat Wa'etchanan).

Weiter heisst es im "Chemdat Hajamim", aus den Midraschim zitiert: "Wenn Jisrael die Tora beendet, stellt sich der Satan – der Strafengel – vor den Heiligen, gelobt sei Er, und tritt vor Ihm als Ankläger auf. Er sagt: Jisrael lernt zwar Tora, aber beendet sie niemals. Wenn sie aber am Simchat Tora die Toravorlesung abschliessen, sagt der Heilige, gelobt sei Er, zum Satan: Sieh nur, sie haben die Tora beendet. Da antwortet er: Wohl haben sie sie beendet, doch nicht wieder von neuem begonnen. Wenn nun Jisrael das Buch Berejschit zu lesen beginnt, sagt G"tt: Siehst du, sie haben wieder begonnen, nun hast du keinen Grund zur Anklage mehr."

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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich

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