Ijar
/Paraschat BeHar

Rosch Haschana

Die zweite Mischna des Traktats "Rosch Haschana" lehrt: "An Rosch Haschana gehen alle, die auf die Welt kommen, an Ihm [bei G-tt, zur Beurteilung] vorbei - wie Benej Maron" (Schafe, die gezählt werden). Doch der Talmud [Rosch Haschana 16a] zitiert die Meinung von Rabbi Jossi, wonach der Mensch täglich gerichtet wird. Auf den ersten Blick, scheinen sich diese beiden Meinungen zu widersprechen: Entweder geschieht die Beurteilung einmal im Jahr - oder auf täglicher Basis.

Raw Eisele Charif versucht, diese Aussagen unter einen Hut zu bringen, indem er das Konzept erstellt, dass es in Wahrheit zwei Arten des Gerichts gibt. Wenn ein Mensch in das neue Jahr startet, wird festgelegt, dass er gewisse Fähigkeiten, einen gewissen Status sowie gewisse physische und finanzielle "Besonderheiten" haben soll. Ein Status Quo für das kommende Jahr – gemäss seinem momentanen Zustand – wird an Rosch Haschana festgelegt. Doch kann sich im Verlauf des Jahres diese "Basislinie" zum Besseren oder zum Schlechteren – auf Grundlage der Handlungen des Individuums – ändern.

Bevor wir allerdings an Rosch Haschana vor das Gericht G-ttes treten, gibt es überhaupt keinen Status Quo. Wir sprechen den Allmächtigen nicht mit der Einbildung dessen an, was gewesen ist (hebr. chasaka de'me'ikara). Wir dürfen an Rosch Haschana dem Urteil nicht mit der Idee entgegentreten: "Ich war bis jetzt am Leben, so werde ich auch im kommenden Jahr leben bleiben; ich war bis jetzt gesund und wohlhabend, also wird das alles auch im kommenden Jahr so weitergehen." Dies ist eine falsche Einstellung an Rosch Haschana.

Für das Gesamtjahr wird unser finanzielles Budget und unser Anteil an allem übrigen festgelegt: Uns wird eine gewisse Summe Geld zugeteilt, ein gewisser Grad an Gesundheit sowie Erfolg in unseren Bemühungen – und wir versuchen, das Vorgegebene entsprechend zu verwalten, wenngleich es innerhalb der Parameter der "täglichen" Beurteilung erhöht oder gesenkt werden kann. Doch hinsichtlich des Urteils für das kommende Jahr an Rosch Haschana, gibt es nichts, was selbstverständlich ist.

Raw Pam kommentierte einmal über das Bussgebet, das wir in Selichot (Bittgebete der Verzeihung) vor und während der Jamim Noraim (Tage der Ehrfurcht) aufsagen: "Wie Arme und Bettler kommen wir zu Dir, an Deine Tür klopfend." Die einfache Interpretation ist, dass wir Arme sind, weil wir nicht genügend gute Taten zu unseren Gunsten haben. Doch Raw Pam sagt, dass es wörtlich zu interpretieren sei: Wenn wir an Rosch Haschana vor dem Allmächtigen erscheinen, sind wir mittellos. Was bedeutet aber "mittellos"? - Ich habe Geld auf der Bank, ich habe ein Portfolio, ich habe ein Haus und ich habe allerlei Besitztümer! Was soll das heissen, "ich bin arm"?

Raw Pam erklärt, dies bedeute, dass nichts selbstverständlich ist. Wir beginnen von neuem. Es gibt keinerlei Chasakot (ursprüngliche Stärke, Gewalt, Besitzrecht). - "Bis jetzt warst du gesund, doch heute gibt es ein neues Urteil bezüglich dessen, was im kommenden Jahr geschehen wird." - "Bisher warst du erfolgreich, doch heute gibt es ein neues Urteil."

Der Grund, weshalb wir nicht vor dem Jom Ha’Din (Tag des Urteils) bangen und schaudern, ist, dass es uns schwer fällt, dieser Idee tatsächlich zu glauben. Wenn jemand 50 Jahre alt ist, dann mag er der Ansicht sein, das alles schon erlebt zu haben und dass die Dinge immer relativ stabil zu bleiben scheinen. Er mag annehmen: "Schau, ich war gerade bei einer Untersuchung und der Arzt sagt, es sei alles in Ordnung." - "Ich bin seit 30 Jahren in meinem Geschäft bzw. Beruf; in manchen Jahren läuft es etwas besser, in manchen etwas schlechter - doch ich hatte immer ein beständiges Einkommen. Was meinst du damit, dass ich im kommenden Jahr keine Parnassa (finanzielles Auskommen) haben könnte?" Wir tendieren anzunehmen, dass wir in den Tag des Gerichts mit einem starken Status Quo zu unseren Gunsten hineingehen. Dies ist nicht wahr. Es fällt uns sehr schwer, dieses Konzept zu verinnerlichen, aber der Status Quo ist nicht garantiert!

Wenn wir an Dinge zurückdenken, die wir im vergangenen Jahr gesehen und gehört haben, dann wird es glasklar, wie das Leben in einer einzigen Minute kippen kann. Menschen werden durch Naturkatastrophen hinweggefegt oder von schlagartigen, finanziellen Einbrüchen überrumpelt - von unerwarteten Diagnosen und durch unvorhergesehene, politische Umbrüche. Diese plötzlichen Veränderungen in der Gesundheit, finanziellen Lage oder dem persönlichen Status, sind die schockierendsten Dinge, die einem Menschen widerfahren können. – „Gestern noch war alles wundervoll...“ Über Nacht können sich Dinge auf eine solche Weise verändern, dass ein Mensch nicht mehr imstande ist, zu funktionieren. Doch solche Ereignisse geschehen. Dies ist der Tag des Urteils an Rosch Haschana. Es gibt keinerlei Anmassungen in Bezug auf den Status Quo. Wir dürfen uns nicht durch den falschen Eindruck der Sicherheit beschwichtigen lassen, dass wir bisher gesund, wohlhabend und weise waren – und dass anzunehmen ist, dass es auch so weitergehen wird.

An Rosch Haschana ist alles möglich. – "Wie arme, mittellose Menschen klopfen wir an deinen Türen." – Dies ist die Realität. Dies ist der Grund, weshalb das Urteil von Rosch Haschana so furchteinflössend und unheimlich ist.

 

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