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Pessach

Lehren von Kerijat Jam Suf  (Spalten des Schilfmeers)

Von Rabbi Schmuel Dischon

(Rabbi Dischon, ein beliebter Redner, ist ein Manhig Ruchani in Karlin Stolin, Menahel der Mosdot Jad Jisrael in Weissrussland und jahrelanger Lehrer im Bejt Ja'akow Seminar)

Unmittelbar nachdem das jüdische Volk Keriat Jam Suf (Spalten des Schilfmeers) erlebte, das grösste Wunder der Menschheitsgeschichte, sang es für Hakadosch Baruch Hu [nachfolgend: HKB"H – Der Heilige, gelobt sei Er] das berühmte Loblied (Schirat Hajam), das zum permanenten Teil unserer täglichen Gebete wurde. In der "Schirat Hajam" loben wir HKB"H's unendliche Macht und unbegrenzte Fähigkeiten. Die Midraschim sind voll von Beschreibungen der zahlreichen Wunder, die die Meeresspaltung begleiteten. Die Gemara (der Talmud) bringt jedoch gleichzeitig einige rätselhafte Aussagen von Chasal (unsere Weisen) zu Keriat Jam Suf. Diese lauten:

  1. a) "Der Lebensunterhalt eines Menschen ist so schwierig wie die Spaltung des Jam Suf." (Pessachim 118a);
  2. b) "Der Zusammenschluss von Ehepartnern ist so schwierig wie die Spaltung des Jam Suf." (Sota 2a)

Es scheint, dass diese Aussagen schwer mit einem unserer Glaubensgrundsätze vereinbar sind, und zwar, dass Haschems Fähigkeiten und seine Macht unbegrenzt sind. Die Mischna erklärt uns: "Die Welt wurde mit zehn Aussagen erschaffen (Awot 5/1)." Nicht nur unser Planet allein, sondern das ganze Universum entstand durch zehn g-ttliche Sprüche. Nur durch Worte allein, keine Taten. Das Loblied Akdamot, das wir am Schawuot, vor der Thora-Lesung, sagen, weist auf die Tatsache hin, dass die Schöpfung der Welt sich mit dem Buchstaben vollzog, der sich am leichtesten auszusprechen lässt - dem Buchstaben "Hej". Wie kann dann eine Schwierigkeit mit Keriat Jam Suf in Zusammenhang gebracht werden? War es denn für den Ribono schel Olam (Herr der Welt) "schwierig", dieses Wunder zu vollbringen?

Viele Kommentatoren bieten Erklärungen an, die sich mit diesen Zitaten der Chasal befassen. Ich möchte Ihnen hier eine wunderschöne Erklärung mitgeben, die ich im Buch "Torat Emet" sah, einem Buch, das die Diwrej Thora von Rav Lejbele Eiger sZl. enthält, einem Enkel von Rabbi Akiva Eiger und einem der grössten Admorim (chassidischen Rebbes) seiner Zeit. Er beginnt mit einer interessanten Beobachtung:

Der gemeinsame Nenner von Keriat Jam Suf, dem Finden eines Ehepartners und dem Verdienen des Lebensunterhalts ist derjenige, dass alle diese drei Dinge von HKB"H ausdrücklich bestimmt wurden und werden. Der Passuk erklärt uns, dass das Meer, nachdem die Benej Jisrael es im Trockenen durchquerten, in der Morgendämmerung "leEjtano - zu seiner ursprünglichen Stärke" zurückkehrte (Schemot 14/27). Chasal sagen, dass die Buchstaben des Wortes "leEjtano" anders herum als "li’Tena'o" gelesen werden können: "Zu seiner ursprünglichen Bestimmung." Als Haschem die Meere und unter ihnen das Schilfmeer erschuf, befahl Er ihm, dass es sich spalten müsse, wenn sich Klal Jisrael ihm nähere. Diese Bedingung zwang das Meer, sich zu spalten, als das jüdische Volk es überqueren musste.

"Der Lebensunterhalt eines Menschen wird von einem Rosch Haschana bis zum nächsten festgelegt" (Bejza 16). Auch der Ehepartner wird auf ähnliche Weise vorbestimmt. "Vierzig Tage vor der Entstehung eines Menschen ruft eine himmlische Stimme aus: 'Die Tochter von Ploni ist für Ploni bestimmt' (Sota 2)." Welche Rolle spielen wir dann noch, wenn all diese drei Dinge von Haschem verfügt werden?

Rav Lejbele Eiger erklärt: Obwohl verfügt wurde, dass das Meer sich vor dem Klal Jisrael spalten muss, hing es von den Menschen ab, wie es geschehen sollte. Die Macht des Vertrauens des jüdischen Volkes in HKB"H wurde auf die Probe gestellt. Das Meer tobte mit stürmischen, riesigen Wellen und Mosche Rabbejnu befahl dem jüdischen Volk, dennoch hineinzugehen. Es war eine äusserst schwierige Prüfung.

Nachschon ben Aminadav sprang ins Meer und ging immer weiter ins Wasser hinein, bis es ihm zum Mund reichte und ihn beinahe überflutete. Erst dann spaltete sich das Meer. Obwohl es sich spalten musste, war es doch das Vertrauen des jüdischen Volkes in HKB"H und Mosche Rabbejnu, das diesen Vorgang schlussendlich verursachte.

Rav Lejbele Eiger sagt deshalb: Das Zitat von Chasal sollte anders verstanden werden: "Wenn ein Mensch beim Erhalt seines Einkommens Schwierigkeiten erlebt, dann sollte er das tun, was das jüdische Volk beim Jam Suf tat: Sein G"ttvertrauen stärken. Natürlich muss man etwas unternehmen, man kann sich nicht einfach auf Wunder verlassen, sondern muss auch seinen eigenen Teil beitragen. Doch sollte man es auf eine Art machen, die deutlich zeigt, dass die Bemühung lediglich einen "Kanal" darstellt, durch den Haschem den Lebensunterhalt uns zufliessen lässt. Nicht unsere Taten führen dazu, dass es geschieht. Haschem versieht uns mit dem Lebensnotwendigen. Wir schaffen lediglich den Kanal, durch den es uns erreicht. "Hast Du Schwierigkeiten mit Parnassa? Dann ahme das Beispiel des jüdischen Volkes am Jam Suf nach!"

Das ändert natürlich die Einstellung eines Menschen vollkommen.

Eine der Fragen, die einem Menschen gestellt werden, wenn er über sein Leben Rechenschaft ablegen muss, lautet: "Hast du ehrlich gehandelt?" (Schabbat 31). Einige legen es so aus: "Geschah dein Handeln mit vollkommenem Vertrauen, dass Haschem dir den Lebensunterhalt geben wird?" Nur wenn wir unsere Geschäfte ganz und gar ehrlich führen, werden wir beim Erhalt unserer Parnassa die Hilfe des Ribono schel Olam verdienen. Dasselbe gilt auch beim äusserst empfindlichen Thema der Schidduchim. Natürlich verlangt Haschem, dass auch wir unseren Teil dazu beitragen. Unsere Bemühungen müssen aber mit der vollen Einsicht erfolgen, dass es der Ribono schel Olam ist, der ein Paar zusammenbringt, um ein Bajit Ne'eman BeJisrael  (thoratreues Haus) aufzubauen. Nur indem man die Richtlinien der Thora und diejenigen unserer Weisen befolgt, die jeden Schritt unseres Lebens leiten und uns mitteilen, welche Bemühungen wir unternehmen sollten, können wir auf die himmlische Hilfe rechnen, um einen passenden Partner zu finden.

Wir müssen auch zu Haschem beten, um zu verstehen, welches unsere Rolle ist, damit wir nicht, chas we'schalom, manchmal Türen schliessen, die Haschem uns öffnen will. Thoragelehrte sollten bestimmen, wie wir festzustellen haben, ob wir den Weg der Thora befolgen, einen Ehepartner zu finden. Je besser man versteht, dass die eigenen Anstrengungen, die man unablässig unternehmen muss, nur die Mühe darstellen, die man sich geben muss, desto mehr wird man - nachdem man sich mit diesen Leuten berät und ihre Ratschläge befolgt - die himmlische Hilfe erhalten, um einen Ehepartner zu finden.

Die folgende Geschichte stammt aus zuverlässiger Quelle: Es gab einmal eine Waise, deren Mutter eine verarmte Witwe war. Sie lebten in einem kleinen Dorf. Dort gab es niemanden, der der armen Witwe und ihrer verwaisten Tochter helfen konnte, einen Schidduch zu finden. Dieses Mädchen nahm es aber sehr ernst. Als es eines Tages merkte, dass sich niemand um sie bemühte, dachte sie an den Passuk, in dem Haschem als Vater aller Waisen beschrieben wird. In ihrer Unschuld setzte sie sich hin, um einen Brief an Haschem zu schreiben, in dem sie Ihn bat, Seine väterliche Pflicht zu erfüllen, einen Schidduch für sie zu finden. Sie ging ins Feld hinaus und warf den Brief gegen Himmel.

An jenem Tag musste der beste Bachur der naheliegenden Jeschiwa einen Thora-Pilpul (Vortrag) vorbereiten. Er suchte einen ruhigen Ort, um sich darauf konzentrieren zu können. Die Jeschiwa war durch die Klänge des Thoralernens von Lärm erfüllt, sodass er beschloss, hinauszugehen, um sich vollständig in sein Dwar Thora vertiefen zu können. Dabei fand er den Brief des Mädchens und las ihn. In diesem Augenblick beschloss er, dass das Mädchen, das diesen Brief geschrieben hatte, seine Frau werden sollte.

Dieser junge Mann war von Rebbes, Raschej Jeschiwa, Talmidej Chachamim und reichen Leuten sehr begehrt. Als er mit seinem Plan zum Rosch Jeschiwa ging, versuchte dieser, ihn davon abzuhalten. "Wovon  wirst  du  leben?", fragte  er  ihn. Der  Bachur erwiderte ehrlich und vollen Ernstes: "Vom Vater aller Waisen. Er wird sich um alles kümmern." Das Paar heiratete.

Vor einigen Jahren erzählte eine Lehrerin diese Geschichte in einem Bejt Ja'akow Seminar. Zum Erstaunen aller erhob sich ein Mädchen und sagte: "Das waren meine Grosseltern!"

Heisst das, dass jeder, der keinen Schidduch findet, sich hinsetzen soll, um einen Brief an den Ribono schel Olam zu schreiben?

Genau! Es muss nicht mit Papier und Bleistift geschehen! "Auf den Tafeln deines Herzens soll es stehen (Mischlei 7/3)." Es wird uns garantiert, dass Haschem all unseren Gebeten zuhört. "Denn Du, Haschem, hörst all unsere Gebete." (Tefilat Amida) Mit den richtigen Gebeten und Bitten - im passenden Ton, wird Haschem dem Menschen alles Nötige geben - genau wie Er auch das Jam Suf für uns spaltete.

Als das jüdische Volk das Meer erreichte, sah es, wie stürmisch es war. Es war sich bewusst, dass die Ägypter sich hinter ihm befanden. Sie sahen die Wüste auf der einen Seite und wilde Tiere auf der anderen. Sie wussten, dass kein menschliches Wesen ihnen helfen konnte, denn dies stand vollkommen ausserhalb jeder menschlichen Möglichkeit. Nur himmlische Gnade konnte sie hier retten. Sobald sie diesen Schluss zogen, entsprangen ihre Gebete der Tiefe ihrer Herzen. Diesen folgte Haschems Anweisung an Mosche Rabbejnu: "Spreche zu den Kindern Israels und lasse sie weiterziehen (Schemot 14/15)."

"Findest du es schwierig, einen Ehepartner zu finden? Dann - Keriat Jam Suf! Tu dasselbe, was der Klal Jisrael beim Jam Suf tat", als er merkte, dass HKB"H der Einzige war, der ihnen wirklich helfen konnte. Es stimmt, dass auch wir unsere Beiträge leisten müssen, doch müssen diese auf eine Art erfolgen, die deutlich macht, dass sie nur die Kanäle sind, durch die Haschems Rettung erfolgt.

Dasselbe gilt beim Verdienst eines Lebensunterhalts oder in der Medizin. Ärzte sind keine Heiler - sie sind lediglich Haschems Boten, um die Heilung der Kranken herbeizuführen. Unser Leben muss von diesem Verständnis begleitet sein. "Wir glauben mit vollkommener Überzeugung, dass der Schöpfer, gelobt sei sein Name, alle Geschöpfe erschafft und führt, und dass Er alle Werke vollbracht hat, vollbringt und vollbringen wird" (der Erste der dreizehn Glaubensartikel).

Das ist eine unserer Glaubensgrundlagen, gemäss der jeder Jude lebt. Je mehr wir diesen Glauben stärken, desto mehr verlassen wir uns auf HKB"H und desto stärker und ausgeprägter werden die Kanäle, durch die Er uns Seine Hilfe in jedem Lebensbereich schenkt.

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Die Bearbeitung dieses Wochenblatts erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich

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