Tischri
/Paraschat Ha'asinu - Asseret Jemei Teschuva

Fasttag 10. Tewet

 

Perspektiven zum Fasttag Assara BeTewet

Von Rav A.A. Rabinowitsch

Aus Der Jüdischen Zeitung, Nr. 50, 6. Tewes 5779 / 14. Dezember 2018

Bearbeitet und ergänzt von S. Weinmann

Welche Tochecha (Zurechtweisung) kann erfolgreich sein und welche nicht?

 Der Fasttag Assara BeTewet (10. Tewet) wird in Tenach «Zom Ha’Assiri» - der «Ta’anit im zehnten Monat des Jahres» genannt (Secharja 8,19). Am zehnten Tewet hat die Belagerung von Jeruschalajim durch Newuchadnezar, dem König von Bawel (Babylonien) begonnen und dies war der Anfang des Churban Bejt Hamikdasch (Zerstörung des Tempels).

Unsere Chachamim (Weisen) sagen an einer Stelle im Talmud (Schabbat 119b): Jeruschalajim und das Bejt Hamikdasch wurden nur zerstört, weil ein Jehudi den anderen nicht zurechtgewiesen hatte.

An einer anderen Stelle sagen Chasal (unsere Weisen): Jeruschalajim und das Bejt Hamikdasch sind nur zerstört worden, weil zwischen den Jehudim grundloser Hass geherrscht hatte. (Jumo 9b)

In Wirklichkeit sind aber diese beide Aussprüche kein Widerspruch, sondern sind eng miteinander verbunden. In Mischle (Sprüche) steht folgendes im Passuk (Vers): «Towa Tochachat Megula MeAhawa mesuteret» - Gut ist offene Zurechtweisung, welche aus verborgener Liebe stammt (Mischle 27,5, siehe Mezudat David zur Stelle). Wenn der Mensch spürt, dass die Tochecha (Zurechtweisung) nur gegeben wird, um ihn zu kritisieren und herabzusetzen, so wird er diese von vornherein nicht akzeptieren und ihr ablehnend gegenüberstehen. Falls er aber merkt, dass das Motiv für die Zurechtweisung nur Liebe ist und der Wunsch einem Bruder zu helfen, so besteht Hoffnung auf eine erfolgreiche Tochecha.

Wir finden auch in der Tora diese beiden Begriffe im gleichen Passuk (Wajikra 19,17) hintereinander: «Hasse deinen Bruder nicht in deinem Herzen, weise deinen Nächsten zurecht (wenn er einen Fehler macht). Hier sehen wir auch, dass Tadel für den Nächsten nur helfen kann, wenn das Herz ihm gegenüber gänzlich frei von Hass ist. Als Ja’akow Awinu, als er gerade in  Charan ankam, die Hirten zurechtweisen wollte, warum sie mitten im Tag schon Feierabend machen wollen, begann er das Gespräch mit ihnen mit dem Wort «Achai» - meine Brüder, obwohl er sie überhaupt nicht kannte. (Bereschit 29, 4-7, siehe Ha’amek Dawar zu Passuk 4)

Freundlichkeit und Liebe ist eben die Voraussetzung für jede Zurechtweisung.

Bil’am der Erzfeind von Klal Jisrael, gab dem jüdischen Volk gezwungenermassen sehr viele Komplimente und Berachot (Segen), während Mosche Rabbjenu Klal Jisrael oft mit scharfen Worten kritisierte und zurechtwies. Eigentlich hätten wir es eher umgekehrt erwartet, die Kritik vom Feind Bil’am und die Komplimente und Berachot von demjenigen, der Jisrael aus tiefstem Herzen liebte, nämlich Mosche Rebbjenu, zu hören.

Dazu erklärt der Midrasch: «Hätte Bil’am das jüdische Volk kritisiert und zurechtgewiesen, könnte man sagen «Sone (der Hasser) mochichan – kritisiert sie und weist sie zurecht. Aus diesem Grund hat Mosche Rabbjenu sie zurechtgewiesen, dessen Herz voll von Liebe für Klal Jisrael war.

Raw Moische Aron Stern sZl erzählte folgende Begebenheit, die er zusammen mit Raw Arje Levin sZl erlebt hat. Sie waren am Schabbat in Jeruschalajim unterwegs zu einer Simcha. Da sah Raw Stern von weitem einen Mann in kurzen Hosen und Zigarette im Mund. Raw Stern war sehr besorgt, denn er wusste, dass Raw Arje Levin den Mann zurechtweisen wird und zitterte vor dessen Reaktion. Als der Mann näher kam, sagte Raw Levin zu ihm wirklich auf Iwrit: «Mein Herr, heute ist Schabbat und es ist verboten zu rauchen». Der Mann wurde vor Wut feuerrot im Gesicht und wollte zuschlagen, da fügte Raw Arje Levin hinzu: «Ich liebe dich, Du bist mein Bruder, deshalb sage ich Dir das». Da veränderte sich das Gesicht des anderen sofort und er sagte: Noch nie hat ein Mensch zu mir mit einer solchen Freundlichkeit und Liebe gesprochen! Ich verspreche auf jeden Fall, dass ich diesen Schabbat keine Zigarette mehr anzünden werde».

Ich möchte zum Schluss eine kleine Geschichte vom Mirer Rosch Jeschiwa Raw Nosson Zwi Finkel sZl wiedergeben, welche zeigt, wie man mit Liebe sogar ohne Worte zurechtweisen kann.

Ein amerikanischer Bachur (Jeschiwa Student), welcher in der Mirer Jeschiwa in Jeruschalajim studierte, kam etwa zwei Wochen vor Ende des Seman (Semesters) zu Rabbi Nosson Zwi mit der Bitte, umgehend heimfahren zu dürfen, um seinen sehr kranken Grossvater, mit welchem er sich sehr verbunden fühlte, noch besuchen zu können. Der Rosch Jeschiwa versuchte dem Bachur zu erklären, die Wichtigkeit, alle Sedarim (Lernordnungen) der Jeschiwa bis zum letzten Tag des Seman’s genau einzuhalten und nicht vorher wegzufahren. Zusätzlich könnten sich andere Bachurim davon ablernen und dies könnte die ganze Ordnung und Disziplin in der Jeschiwa untergraben. Er rate ihm, in der Jeschiwa weiter bis zum Ende des Semesters fleissig zu lernen, und möglicherweise könnte dieser Sechut (Verdienst) dem Grossvater eine Refua (Heilung) bringen.

Der Bachur verliess das Haus des Rosch Jeschiwa und beschloss gegen den Willen des Rosch Jeschiwa nach Hause zu fahren, um den geliebten Grossvater noch sehen zu können. Er teilte seinen Eltern mit, mit welchem Flugzeug und wann er in Amerika landen würde. Nach der Landung schaltete er sofort sein Natel an und telefonierte seinen Eltern. Er musste von seiner Mutter die bittere Nachricht erfahren, dass er den Grossvater leider nicht mehr sehen könne, da er vor einigen Stunden niftar wurde. Da der Grossvater den Wunsch geäussert hatte, in Jeruschalajim begraben zu werden, befinde sich der Sarg auf dem Wege nach Erez Jisrael. Sie rate ihm, mit dem nächsten Flugzeug zurückzufliegen, um noch rechtzeitig zur Lewaja (Begräbnis) anzukommen.

Während des ganzen Rückfluges sah der Bachur das Bild des Rosch Jeschiwa vor sich, wie er ihm liebevoll zuredete in der Jeschiwa zu bleiben und nicht zu fahren. Bei der Lewaja in Jeruschalajim waren die Leute ganz überrascht den Rosch Jeschiwa Rabbi Nosson Zwi, trotz seiner Schwäche und seinen Schmerzen, dort anzutreffen.

Am Ende der Lewaja rief der Rosch Jeschiwa den Bachur zu sich, welcher dadurch am ganzen Körper zu zittern begann, da er nun eine scharfe Mussar-Drascha (Moral-Predigt) erwartete anhören zu müssen. Raw Nosson Zwi sagte ihm aber nur die folgenden Worte: «Du hast sicher einen schweren Tag hinter dir, mit zwei Langstrecken-Reisen. Meine Rebbezen hat für dich bei mir zu Hause eine warme Mahlzeit vorbereitet und anschliessend kannst du dich bei uns von der grossen Anstrengung ein wenig ausruhen». Auf dem ganzen Weg zum und beim Rosch Jeschiwa zu Hause hörte der Bachur kein einziges Mussarwort für seine Reise gegen den Willen des Rosch Jeschiwa. Dies war aber für ihn das grösste Mussar (charakterliche Bildung) und zeigte ihm die Grösse von Raw Nosson Zwi.

Nun verstehen wir, dass die beiden Aussprüche von Chasal über die Zerstörung des Bejt Hamikdasch kein Widerspruch sind und eng miteinander zusammenhängen. Weil echte Liebe zwischen den Jehudim gefehlt hatte, war jede Tochecha von vornherein zum Scheitern verurteilt. Nachdem man aber üblicherweise die eigenen Fehler nicht sieht, ist Tadel von anderen eine dringende Notwendigkeit und diese hatte eben gefehlt. (siehe Sefer Ohel Ja’akow, Paraschat Kedoschim und Belehrung und Mahnung, Paraschat Schemot)

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Die Bearbeitung dieses Beitrages erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich

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