Siwan
/Paraschat Nasso

Rav Frand zu Paraschat Bo 5779

 

Eine "Inspiration von unten" löst eine "Erwiderung von oben" aus

Zu Beginn des Buches Schemot (2. Buch Moses) erwähnt die Tora eine Eigenschaft von Mosche, die zumindest teilweise begründet, wieso er sich als Führer für das Volk Israel eignete. "Und Mosche wuchs auf, und er ging hinaus zu seinen Brüdern und er sah ihre Leiden" [Schemot 2:11]. Der Midrasch ergänzt dazu, dass Mosche ihre Leiden sah und aufschrie: "Euer Leiden zerreisst mein Herz! Könnte ich doch für euch sterben, um euch das Leiden zu ersparen!" Der Midrasch erzählt, dass Mosche seine königlichen Gewänder ablegte und aufs Feld ging, um seinen Brüdern bei der Herstellung von Ziegeln und Mörtel zu helfen - nur damit er an ihrem Schmerz teilhaben konnte. Gemäss dem Midrasch sagte G'tt zu ihm: "Du hast deine angesehene Stellung verlassen, um als Gleichgestellter an den Schmerzen Israels teilzuhaben; ich will deshalb die höheren Sphären verlassen, um mit dir zu sprechen."

Weil Mosche sich auf ihre Stufe stellte und teilnahm an Israels Leiden, so sagt der Midrasch, verdiente er es mit der himmlischen Präsenz G'ttes verbunden zu sein. Mosche konnte nicht ruhig im Palast sitzen, währenddem seine Brüder litten. Er verspürte den Drang, bei ihnen zu sein.

Raschi erklärt den Satz „und er sah ihre Leiden“ folgendermassen: Mosche sah nicht nur ihre Leiden und ging dann seinen alltäglichen Beschäftigungen nach. Mosche dachte immer wieder daran und nahm sich die Sache sehr zu Herzen – er hielt sich die Leiden seiner Brüder ununterbrochen vor Augen. Wenn jemand sich solches Leiden andauernd vor Augen hält, sitzt er nicht teilnahmslos da, sondern wird zum aktiven Leidensgenossen. Dies war eine grossartige Eigenschaft Mosches: die Fähigkeit, in dieser schrecklichen Zeit mitzufühlen.

Der Alte von Chelm erklärte, dass man noch mehr aus diesem Vers herauslesen kann. Ein anderer Vers lautet: „G’tt sah, und G’tt nahm sich ihrer an“ [Schemot 2:25]. Und hier benützt Raschi sozusagen den gleichen Ausdruck, wie er vorher für Mosche gebraucht hatte: „G’tt richtete seine Augen auf sie und entzog ihnen sein Herz nicht.“

Der Alte von Chelm erläutert, dass G’tt von Mosches Taten „inspiriert“ wurde. Mosches Taten lösten eine gleichartige g’ttliche Reaktion aus: G’tt schaute auf das jüdische Volk hinab und teilte ihre Leiden.

In der Kabbalah (jüdische Mystik) gibt es ein Konzept von „Eingebung von oben“ (Itre’uta diLe’ela) und ein anderes Konzept von „Inspiration von unten“ (Itre’uta diLe’tata). „Inspiration von unten“ bedeutet, dass wir manchmal, von hier unten, G’tt zu einer Reaktion veranlassen können. Mosches eigenes, emotionales Mitgefühl für die Leiden Israels stellte eine derartige „Inspiration von unten“ dar und brachte G’tt dazu, vom Himmel aus zu reagieren. Damit nahm auch G’tt mit seinem Mitgefühl am Leiden des jüdischen Volkes Anteil.

Die Lehre des Alten von Chelm bedeutet somit folgendes: Wenn wir mit dem jüdischen Volk in Zeiten der Not mitfühlen und mitleiden, so verursacht dies eine ähnliches Verhalten von G’tt. Wenn ein Jude sich um den anderen sorgt - wenn wir nicht schlafen können, weil ein anderer Jude nicht schlafen kann – dann spürt G’tt dies.

Der Passuk (Vers) sagt uns in Paraschat (Wochenabschnitt) Wa’era [6:14]: „Dies sind die Häupter ihrer Stammhäuser“; dann führt der Passuk die Nachkommen Re‘uwens (Ruben) auf): „Die Söhne Re’uwens sind…". Bei Schimon (Simon) benützt die Tora den gleichen Ausdruck: „Die Söhne Schimons sind…". Bei Levi aber sagt die Torah: „Dies sind „die Namen“ der Söhne Levis...“ Der Schla’h Hakadosch erklärt, dass es mit den Namen der Söhne Levis etwas Besonderes auf sich hatte. Wie allseits bekannt, war ja der ganze Stamm Levi von der ägyptischen Sklaverei ausgenommen. Levi fühlte sich schlecht, dass sein Stamm nicht auch versklavt sein wird (er wusste dies mit Prophetie). Dieser Stamm wird nicht ertragen, dass sie ganz normal weiterleben, während ihre Brüder schwierige Zeiten durchmachen. Deshalb gab Levi seinen Söhnen Namen, die betonten, dass auch sie sich im Exil befinden werden und mit ihren darbenden Brüdern mitfühlen werden. Gerschon: Ich bin ein Fremder („Ger“) dort („Scham“) in einem fremden Land. Kehat: Ihre Zähne werden schwarz und rausgeschlagen („Kihuj Schinajim“). Merari: Es ist für alle so bitter („Merirut“).

Levi spürte, wie wichtig es war, an den Schwierigkeiten Israels teilzuhaben. Es drängte ihn, mitzuleiden. Wenn das jüdische Volk Krisenzeiten durchmacht, kann das Leben nicht weitergehen, als ob nichts geschehen wäre.

Während dem 1. Weltkrieg wachte die Frau des Chafez Chajim mitten in der Nacht auf, und bemerkte, dass ihr Mann nicht in seinem Bett schlief. Sie machte sich daran, ihn zu suchen und fand ihn schlafend auf einer Bank. Dafür wollte sie eine Erklärung. Er antwortete: “Das jüdische Volk befindet sich mitten im Krieg. Es gibt Leute, die ihre Häuser verloren haben. Ganze Gemeinden sind vertrieben worden. Dort draussen gibt es viele Juden, die kein Bett zum Schlafen haben. Wie kann ich in einer solchen Zeit in meinem eigenen Bett schlafen?“

Ich schlage jetzt nicht vor, dass auch wir nicht mehr in unseren Betten schlafen. (Rav Frand gab diesen Schiur während dem Golfkrieg 1991, als irakische Scud-Raketen auf Israel fielen). Ich glaube nicht, dass wir auf der Stufe des Chafez Chajim sind. Aber etwas müssen wir tun, um an den Schwierigkeiten des jüdischen Volkes teilzuhaben. Auf irgendetwas sollten wir alle verzichten. Wir alle sollten konkret zeigen, dass unser Leben heute und morgen und vielleicht auch in der nächsten Zeit nicht das gleiche ist wie früher. Auch wenn das, auf was wir verzichten nur eine Kleinigkeit ist, zumindest symbolisch sollten wir etwas tun, um am Leiden, die unsere Brüder des Hauses Israels in diesen Zeiten durchmachen, Anteil zu nehmen.

Ich möchte mit den Worten der Haftara (der Abschnitt aus den Prophetenschriften, der diese Woche gelesen wird) schliessen. Die Haftara beschreibt die grosse Schlacht zwischen Newuchadnezar (Newuchadrezar), dem König Babylons, und Ägypten. Der Prophet spricht über eine geschichtliche Periode, in der zwei Weltmächte sich bekriegen und die jüdische Nation still dasitzt und sich fragt: Was geschieht mit uns?

Die ganze Welt kämpft und die jüdische Nation fragt sich, was sich da wohl zusammenbraut. Die Worte des Propheten lauten: „Fürchte dich nicht, du, Ja’akow, mein Knecht, spricht der Ewige, denn ich bin mit dir; wenn ich auch alle Völker, unter die ich dich zerstreut habe, vernichte, dich vernichte ich nicht; ich werde dich züchtigen nach dem Recht, aber vernichten werde ich dich nicht.“ [Jirmijahu (Jeremias) 46:28]

Es wird Leiden geben. Der Prophet warnt uns vor Verlusten. Aber dies ist, um Recht zu schaffen. Dies dient der Sühne und wird uns weiterbringen. Wir werden aber nie vernichtet werden.

Quellen und Persönlichkeiten:

  • Raschi (1040-1105) [Rabbi Schlomo ben Jizchak]; Troyes (Frankreich) und Worms (Deutschland); „Vater aller Torakommentare“.
  • Schla’h Hakadosch (1565 – 1630) [Rabbi Jeschaja ben Avraham Halevi Horovitz]: Benannt nach der Abkürzung eines seiner Hauptwerke „Schenej Luchot Habrit“; Gesetzeslehrer, Kabbalist und Gemeindeführer; Prag, Frankfurt a.M., Jerusalem.
  • Alter von Chelm (1824 – 1898) [Rav Simcha Zissel Ze’ev]: Gründer und Rosch Jeschiwa der Talmud Torah (Jeschiwa) in Chelm, Polen.
  • Chafez Chajim (1838-1933): Rav Jisrael Me’ir HaKohen von Radin. Autor grundlegender Werke zu jüdischem Recht und jüdischen Werten (Halachah, Haschkafah und Mussar).

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 Die Bearbeitung dieses Wochenblatts erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich

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