Die jüdischen Monate

Der Monat Tischri

Aus Sefer Hatoda’a / Das Jüdische Jahr. Bearbeitet und ergänzt von S. Weinmann

Die Namen der jüdischen Monate stammen aus der Zeit des babylonischen Exils: Tischri, Cheschwan, Kislew, etc.

Die Tora nennt den Monat Tischri "Hachodesch Haschewi'i – den siebten Monat – da ja die Zählung der Monate mit dem Nissan beginnt.

Alles "siebte" ist in der jüdischen Tradition von besonderer symbolischer Bedeutung: "Kol Haschwi'im Chawiwim Lema'ala – alle siebten sind von oben mit besonderer Liebe bedacht."

Unter den Himmeln ist Arawot der siebte: "… Solu Larochew Ba'arawot… - erhebt den Lenker der Höhen" (Tehillim 68, 5). In der Aggada spricht man von sieben Himmeln: Wilon, Rakia, Schechakim, Sewul, Ma’on, Machon und Arawot (Chagiga 12b).

Bei den Begriffen für "Land" ist "Tewel" der siebte: "Wehu Jischpot Tewel Bezedek – und Er richtet die Welt nach Gerechtigkeit …" (Tehillim 9, 9). Die sieben Bezeichnungen sind: Arez, Adama, Arka, Gai, Zija, Neschija und Tewel.

Bei den Generationen: Adam, Schet, Enosch, Kejnan, Mahalal’el, Jered, Chanoch. "Wajithalech Chanoch Et Ha'Elokim – es wandelte Chanoch mit G"tt" (Bereschit 5, 24).

Bei den Stammvätern: Awraham, Jizchak, Ja’akow, Lewi, Kehat, Amram, Mosche: "UMosche Ala El Ha'Elokim – und Mosche stieg zu G"tt hinauf" (Schemot 19, 3). Bei den Söhnen Jischais: Eliaw, Awinadaw, Schima, Netanel, Raddai, Ozem und Dawid (Diwrei Hajamim I 2, 15).

Bei den Königen: Schaul, Isch-Boschet, Dawid, Schlomo, Rechawam, Awija und Assa: "Wajikra Assa El Haschem Elokaw – da rief Assa zum Ewigen, seinem G"tt …" (Diwrej Hajamim II 14, 10). Sein Gebet wurde erhört, schneller als das seiner Vorgänger.

Bei den Jahren: "Wehaschewi'it Tischmetenna … - und das siebte lässt du brach liegen und überlässt es sich selbst" (Schemot 23, 11).

Bei den Tagen: "Wajewarech Elokim et Jom Haschewi'i – und G"tt segnete den siebten Tag…" (Bereschit 2, 3).

Bei den Monaten: "UwaChodesch Haschewi'i Be'Echad LaChodesch … - und im siebten Monat, am ersten des Monats …" (Bamidbar 29, 1).

So hat G"tt Seinen Namen mit allen siebten verbunden, hat sie auserwählt und mit Seinem Namen geheiligt. (Jalkut Jitro 276)

Unsere Weisen erklären auch (Jalkut 645), dass das Wort "Schewi'i" die gleichen Stammbuchstaben hat wie "Sowa" – Sattheit. Kein anderer Monat im Jahr ist so "gesättigt" mit Mizwot wie der siebte, der Tischri: Schofar-Blasen, Jom Kippur, Sukka und Arawa (4 Arten am Sukkot). Oder – kein anderer Monat ist so ertragreich und vorratsfüllend: Tennen, Kelter und Vorratskammern werden in diesem Monat gefüllt.

Zusätzlich ist er mit Festtagen gesättigt. Es gibt nämlich elf Festtage in diesem Monat: Zwei Tage Rosch Haschana (der zweite Tag von unseren Weisen angeordnet), Jom Kippur, sieben Tage Sukkot und Schemini Azeret. In der Gola – Diaspora – sind es sogar zwölf, mit Simchat Tora.

In den Schriften der Propheten wird der Monat Tischri "Jerach Ha'ejtanim" – der Monat der Starken – genannt: "Und alle Männer versammelten sich zum Fest (Einweihung des Tempels) vor König Schlomo (Salomon) im Monat Ejtanim, dies ist der siebte" (Melachim I 8, 2). Unsere Weisen sagen, dass dieser Monat so heisst, weil unsere Stammväter, Awraham, Jizchak und Jakow, im Tischri geboren wurden [Traktat Rosch Haschana 11a].

Das Sternbild Waage

Es gibt zwölf Sternzeichen. Es sind dies Sterngruppen, die uns als Sternbilder erscheinen. Diese Sternbilder sind im Himmelskreis fixiert und jeden Monat erscheint ein anderes Sternbild. Das Sternbild des Monats Tischri ist die Waage, zwei Waagschalen mit einem Waagebalken dazwischen. Symbol für Gerechtigkeit und Justiz. In diesem Monat wird über die ganze Welt Gericht gehalten, die Taten jedes einzelnen Menschen werden in die Waagschale gelegt, und G"tt entscheidet über das Schicksal eines jeden, je nach Verdienst oder Schuld.

Aber Menschen sind ja nichts, große Leute fehlen auch; sie wiegen weniger denn nichts, so viel ihrer ist.

König David sagte vor G"tt: "(Verlasse dich nicht auf Menschen, denn…) Ein Nichts sind die Menschensöhne, ein Trug (auch) die (angesehenen) Menschenkinder – "Bamosnajim La'alot" – sollten  sie auf die Waagschale gelegt werden – so sie sind nur ein Hauch " (Tehillim 62, 10). Dazu sagt Rabbi Chija im Namen von Rabbi Levi: Alle Nichtigkeiten, mit denen sich Israel während des Jahres beschäftigt – "Bamosnajim La'alot" – lassen die Waagschale heraufsteigen (negativ) – aber G"tt vergibt ihnen unter dem Sternzeichen der Waagschale - "Bamosnajim La'alot" (positiv) - im Monat Tischri [Midrasch Tanchuma Schelach-Lecha 13].

Der 1. Tischri

Obwohl Tischri der siebte Monat ist, wird er in Bezug auf das Kalenderjahr als erster Monat des jüdischen Jahres gerechnet. Der erste Tischri ist der Anfang des neuen Jahres – Rosch Haschana. Dies gilt auch für das Schmittajahr / Schabbatjahr (jedes 7. Jahr) und Joweljahr (jedes 50. Jahr), sowie für Baumpflanzungen und für die Getreide- und Gemüseernte (Mischna, Rosch Haschana 1, 1).

Schmitta und Jowel: Mit Beginn des Monats Tischri des Schmitta- oder des Joweljahres ist von der Tora aus, das Pflügen und Säen untersagt.

Baumpflanzungen: Nach dem Einsetzen oder Pflanzen eines Fruchtbaumes werden die Früchte in den ersten drei Jahren "Orla" genannt und sind weder zum Essen noch zur Nutzniessung erlaubt. Im 4. Jahr werden die Früchte "Neta Rewai" genannt (wörtlich: die Pflanze des vierten) und werden, in natura oder der Erlös, in Jeruschalajim gegessen. Ist ein Fruchtbaum 45 Tag vor dem ersten Tischri gepflanzt worden, so beginnt das zweite Orla-Jahr am ersten Tischri.

Getreide- und Gemüseernte: Der erste Tischri wird als Neujahr für "Terumot" (die Abhebe für die Kohanim) und "Ma'assrot" (die Zehnten für die Leviten) des Getreides und der Bodenfrüchte betrachtet. Die Tora fordert, dass diese Abgaben für das laufende Jahr erhoben werden, es können also keine Terumot und Ma'asrot von der vorjährigen Ernte, d.h. bis zum ersten Tischri für die neue Frucht, die nach Rosch Haschana geerntet wird, abgesondert werden.

Rosch Haschana:

 

Der Tag der Verhüllung

Rosch Haschana – der erste Tischri - wird auch "Jom Hakesse" – der Tag der Verhüllung – genannt. "Tik’u WaChodesch Schofar Bakesse Lejom Chagenu – am Neumond stosset ins Schofar, am Tag der Mondverhüllung, am Tag unseres Festes (Tehillim 81, 4). In diesem Zusammenhang pflegten Zaddikim auf folgenden Vers hinzuweisen: "LeJom HaKesse jawo Bejto - Am Tag der Mondverhüllung wird er nach Hause kommen" (Mischlej/Sprüche 7, 20). Die Ähnlichkeit der Worte "Kesse" – Verhüllung – und "Kissej" – Thron – deuten auf den Richterthron G"ttes hin, auf dem Er an diesem Tag sitzt. Kesse – Verhüllung – ist auch eine Andeutung auf die Barmherzigkeit G"ttes, dass Er an diesem Tag unsere Schuld verhüllt und unsere Sünden gnädig verbergt.

Alles wird an diesem Tag mit Verhüllung in Zusammenhang gebracht. Während alle anderen Festtage im Jahr zur Vollmondszeit fallen, oder davor oder danach, fällt Rosch Haschana auf den ersten des Monats, wenn der Mond noch verhüllt ist. Symbolisch wird auch das Volk Israel mit dem Mond verglichen, denn es strahlt an seinen Schabbat- und Festtagen in vollem Glanz. An Rosch Haschana jedoch zieht es sich in Ehrfurcht vor dem grossen Tag des Gerichts zurück. Auch der Allmächtige breitet über Sein Volk eine Hülle, verbirgt damit seine Sünden und gewährt ihm dann Verzeihung und Vergebung (Siehe Pesikta Rabbati, 40).

Auch in der Tora selbst ist das Wesen, der Charakter von Rosch Haschana als Jom Hadin, als Tag des Gerichtes, nicht ausdrücklich erwähnt. Er ist eher verhüllt, damit die Teschuwa – die Rückkehr zu G"tt – nicht nur auf diesen einen Tag beschränkt bleibe, sondern, dass der Mensch auch während des Jahres sich seiner Sünden bewusst sei und die Möglichkeit zur Teschuwa ergreife. Auch soll dem Satan – dem Kläger – der genaue Zeitpunkt "verhüllt" bleiben, damit er nicht als Ankläger erscheine. Aus diesem Grund pflegt man auch kein "Birkat Hachodesch" – die Neumondsverkündung – am Schabbat vor Rosch Haschana zu sagen, wie es sonst für alle anderen Monate Brauch ist.

Tag der Anfänge

Der erste Tischri ist, nach Rabbi Elieser, der Tag, an dem G"tt den Menschen geschaffen hat als Krönung der Schöpfung (Rosch Haschana 10a). Am 25. Elul wurde die Welt erschaffen, daher war der sechste Tag (Schöpfung des ersten Menschen) am 1. Tischri.

Ebenso sagt Rabbi Elieser, dass unsere Stammväter im Tischri geboren wurden, da sie Anfang für eine Welt waren, die bisher sündhaft war. Am Rosch Haschana wurden Sara, Rachel und Chana bedacht. Sie waren vorher kinderlos, doch an diesem Tag bedachte sie G"tt mit einem Kindersegen.

Am Rosch Haschana wurde Josef aus dem Gefängnis entlassen, in dem er zwölf Jahre lang unschuldig eingesperrt war. Von diesem Tag an begann sein Licht zu leuchten.

Am Rosch Haschana wurde der Sklaverei unserer Väter in Ägypten ein Ende gesetzt, und so wurde dieser Tag der Anfang ihrer Erlösung.

Schon am ersten Rosch Haschana der Welt, an dem Tag, an dem der Mensch erschaffen wurde, waren die Begriffe von Gericht und Vergebung gegenwärtig. Unsere Weisen sagen, dass an jenem Tag Adam G"ttes Gebot in Bezug auf den Baum des Wissens übertreten hat und dafür gerichtet wurde. Aber auch Verzeihung wurde ihm zuteil. "Dies sei ein Zeichen für deine Kinder - sagte G"tt zu ihm - genau wie du an diesem Tag verurteilt wurdest, aber dir auch vergeben wurde, so werden auch deine Kinder an diesem Tag gerichtet werden, aber auch Verzeihung erhalten" (Pesikta DeRaw Kahana, Bachodesch Haschewi'i).

"Lo A'D'U Rosch…" - Tage, an denen Rosch Haschana nie beginnt

Der erste Tag Rosch Haschana kann nur auf Montag, Dienstag, Donnerstag oder Schabbat fallen, niemals jedoch auf Sonntag, Mittwoch oder Freitag. Dies bedeutet "A’D’U’ (im Hebräischen ALEF-DALET-WAW – Sonntag-Mittwoch-Freitag) "Lo Rosch" kann nicht Rosch Haschana sein. Dies ist eine "Takkanat Chachamim" – eine Anordnung unserer Weisen. Dies wird im Kapitel über das Kalenderjahr noch genauer erklärt.

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Rosch Haschana – zwei Tage

Rosch Haschana wird zwei Tage lang gefeiert, am ersten und am zweiten Tischri, obwohl in der Tora nur von einem Tag die Rede ist: "Im siebten Monat, am ersten Tag des Monats, soll euch Ruhetag sein, Gedenken des Terua-Tones, Tag der heiligen Berufung" (Wajikra, 23, 24).

Die Bestimmung, Rosch Haschana zwei Tage lang zu feiern, wurde schon von den Newi'im Rischonim – den ersten Propheten – festgelegt (Jeruschalmi, Eruwin, Perek 3 Halacha 9. Der Grund dafür ist die Tatsache, dass der Monat durch Zeugenaussage vom Obersten Gerichtshof ausgerufen und geheiligt wurde. Diese Zeugen mussten das Erscheinen des "Molad" – des Neumondes – sehen und bestätigen, und so musste der Beginn des Monats Tischri sofort beim Eintritt der Nacht, nach dem 29. Elul, dem vorangehenden Monat, festgelegt werden, da die mögliche Ankunft von Zeugen am Morgen des nächsten Tages eine Heiligung des Vortages verursachen könnte. Kamen solche Zeugen, dann war dieser selbe Tag "Kodesch" – heilig – und der nächste Tag wäre dann "Chol", ein gewöhnlicher Wochentag. Wenn aber keine Zeugen kamen, so wäre der darauffolgende Tag automatisch als "Kodesch" erklärt worden, und der vorherige Tag wäre dann ein gewöhnlicher Wochentag gewesen. Damit nun die Heiligkeit des ersten Tages des Zweifels wegen nicht missachtet werde, ordneten die Propheten an, dass Rosch Haschana immer zwei Tage lang gefeiert werden müsse. Werkverbot, Schofarblasen und Gebetsordnung, sowie alle anderen Einzelheiten der Festordnung sind für beide Tage bindend. Beide Tage zusammen werden "Joma Arichta" – langer Tag – genannt, das heisst, dass zweimal vierundzwanzig Stunden als ein geheiligter Tag gerechnet wird. Jedoch bei der Vorbereitung der Mahlzeiten werden sie als zwei Tage betrachtet, es ist also nicht erlaubt, von einem Tag auf den nächsten Tag zu kochen.

Der Rambam – Maimonides – schreibt: Die Mehrzahl der Bewohner des Landes Israel pflegten den "Jom Tow" Feiertag von Rosch Haschana des Zweifels wegen zwei Tage lang zu begehen, denn sie wussten nicht, auf welchen Tag der Gerichtshof den Monatsanfang festgesetzt hatte, da ja die Boten am Feiertag selbst nicht herausgingen. Fernerhin, sogar in Jeruschalajim, Sitz des Gerichtshofes, wurde Rosch Haschana zwei Tage lang gefeiert. Wenn nämlich die Zeugen während des 30. noch nicht erschienen waren, wurde der Tag in Erwartung der Zeugen als heilig erklärt, und auch der nächste Tag war geheiligt. Da man zwei Tage lang feierte, auch wenn Augenzeugen vorhanden waren, setzte man fest, dass Rosch Haschana sogar in Erez Jisrael zwei Tage lang gehalten werden müsse, selbst heute, obwohl der Monatsbeginn durch Berechnung festgelegt wird. Daraus lernt man, dass der zweite Tag Rosch Haschana heutzutage "Midiwrei Sofrim" – eine Anordnung der Sofrim – ist (Hilchot Kiddusch Hachodesch, Kap. 5, 7).

Es besteht nun ein Unterschied zwischen der Zeit, da man die Monate durch Augenzeugen festgelegt hat, und zwischen der heutigen Zeit. Als der Monat noch durch Augenzeugen geheiligt wurde, und die Zeugen, die den Neumond gesehen hatten, nicht zur rechten Zeit erschienen waren, war der erste Tag von Rosch Haschana "Miderabbanan" – als Anordnung der Weisen - bestimmt, der zweite Tag jedoch, der erste Tischri, "Min Hatora" – als Toragesetz – festgesetzt. Heute jedoch, da die Monate und Feiertage durch Berechnungen festgelegt werden, und der erste Tag von Rosch Haschana immer auf den ersten Tischri fällt, gilt der erste Tag "Min Hatora" und der zweite "Midiwrei Sofrim".

Der Tag des Gerichtes

Rosch Haschana ist der Tag des Gerichtes für alle Sterblichen dieser Welt. An diesem Tag wird der Mensch gerichtet, und alles, was ihm im kommenden Jahr geschieht, wird an diesem Tag bestimmt. Denn so heisst es: "Die Augen G"ttes, Deines G"ttes, sind stets auf es (das Land) gerichtet vom Anfang des Jahres bis zu seinem Ende" (Dewarim 11, 12). "Am Beginn des Jahres wird geurteilt, was am Ende sein soll!" (Rosch Haschana 8a). Auch von der Art und Weise, wie G"tt Sein Volk beurteilt, sprechen unsere Weisen. Zur gleichen Zeit werden alle Menschen zusammen gerichtet, doch werden die Taten eines jeden einzelnen genau geprüft. "Alle Bewohner der Welt ziehen an Ihm vorüber wie Schafe – Kiwnei Maron" (Rosch Haschana 16a). So steht auch in den Psalmen: "Er, Der ihr Herz gemeinsam bildet, Der alle ihre Taten versteht" (Tehillim 33, 15). G"tt, der Schöpfer, sieht in die Herzen eines jeden zu gleicher Zeit und versteht alle ihre Taten.

Rabbi Kruspedal sagte im Namen von Rabbi Jochanan: "Drei Bücher werden am Rosch Haschana geöffnet: Das eine für Bösewichte, Reschaim Gemurim, eines für die Gerechten, Zaddikim Gemurim, und eines für die Mittelmässigen, Beinonim. Die Zaddikim Gemurim werden sofort ins Buch des Lebens eingeschrieben und besiegelt. Die Reschaim Gemurim werden sofort eingeschrieben und zum Tode verurteilt. Die Beinonim aber erhalten eine Frist bis Jom Kippur, dem 10. Tischri. Wenn sie es verdient haben, d.h. wenn sie sich zur Rückkehr besonnen haben, werden auch sie in das Buch des Lebens eingeschrieben. Wenn aber nicht, sind auch sie zum Tode verurteilt (Rosch Haschana 16b).

Aus zwei Gründen wird Rosch Haschana als Tag des Gerichts betrachtet. Erstens, weil an diesem Tag die Schöpfung vollendet wurde, und weil es G"ttes Plan war, die Welt mit "Middat Hadin" – mit Recht und Gerechtigkeit – zu regieren. Zweitens, und dies wurde schon vorher erwähnt, weil an diesem Tag der erste Mensch gerichtet wurde, seine Schuld einsah, Teschuwa tat und G"tt ihm verzieh.

Diese beiden Gründe werden auch im Mussafgebet von Rosch Haschana erwähnt: "Denn ein Gesetz des Gedächtnisses bringt Du, da Du jeden Geist und jede Seele aufzählst. So bedenkst Du eine Fülle von Taten und unzählige Geschöpfe bringst Du in Erinnerung, ohne Ende. Von jeher schon hast Du dieses wissen lassen, und von Anfang an hast Du dies enthüllt. Dies ist der Tag des Beginns Deiner Werke, es ist Erinnerung an den ersten Tag. "Somit ist dieser Tag Erinnerung an die Vollendung der Schöpfung und gleichzeitig Erinnerung an den ersten Tag des Gerichts. Unsere Weisen fügen hinzu: Komme und schau: G"ttes Wege sind nicht die Wege von Fleisch und Blut. Der Mensch aus Fleisch und Blut richtet seinen Freund in einer günstigen Zeit, wenn er ihm wohlgesinnt ist. Den Feind hingegen richtet er, wenn er noch zornig auf ihn ist, um ihn mit Strenge zu verurteilen. Nicht so G"tt: Er richtet die ganze Welt auf einmal, und es sind auch dienigen miteinbegriffen, die Seinen Willen nicht beachten, also alle zusammen in einer günstigen Zeit, nämlich im Monat Tischri. In diesem Monat gibt es so viele Feste und so viele Mizwot zu erfüllen. Sie bieten somit Gelegenheit, die innige Verbindung zwischen Ihm und Seinen Geschöpfen wiederherzustellen. So kann sich der Mensch im Gebet und durch Rückkehr wieder zu Ihm wenden. G"tt wird Sich auch ihnen wieder in Liebe zuneigen.

Schuld und Verdienste des Menschen auf der Waage

Jeder Mensch hat Verdienste aber auch Schuld. Sind die Verdienste grösser als die Schuld, so spricht man von einem Zaddik, einem Gerechten. Ist die Schuld grösser als die Verdienste, so nennt man ihn Rascha, einen Bösen. Ist beides im Gleichgewicht, so spricht man von einem Beinoni, einem Mittelmässigen.

Das gleiche gilt auch für Länder. Sind die gemeinsamen Verdienste der Bewohner grösser als ihre Schuld, ist es ein gerechtes Land. Ist die Schuld grösser als die Verdienste, ist es ein schändliches Land. All dies bezieht sich auch auf die ganze Welt.

Ist die Schuld eines Menschen grösser als seine Verdienste, muss er sofort wegen seiner Sünden sterben, denn es steht geschrieben: "Al Row Awoncha – wegen der Überzahl deiner Schuld…" (Hoschea 9). Ist die Schuld eines Landes grösser als seine Verdienste, so ist es dem Untergang geweiht, denn es steht geschrieben: "Sa'akat Sedom Wa'Amora Ki Rabba – das Wehgeschrei von Sedom und Amora ist gross" (Bereschit 18, 20). Dies gilt auch für die ganze Welt, denn es steht geschrieben: "Wajar Haschem Ki Rabba Ra'at Ha'Adam – und G"tt sah, dass das Böse der Menschen gross war" (Bereschit 6, 5).

Das Ausschlaggebende ist hierbei nicht das Zahlenmässige, sondern das Ausmass des Guten und des Bösen. Es gibt Verdienste, die schwerer wiegen als eine grosse Anzahl von Sünden, so wie es heisst: "Ja'an Nimza Bo Dewar Tow – an ihm, von dem Haus Jerowams, Gutes wurde gegenüber G"tt" (Melachim I, 14, 13). Aber auch umgekehrt kann eine Schuld schwerwiegender sein als viele Verdienste, denn es steht geschrieben: "Wechote Echad Jeabeid Towa Harbe – und ein Sünder lässt viel Gutes verlorengehen" (Kohelet 9, 18). Nur G"tt, Dessen Wissen allumfassend ist, kann entscheiden, welche Wertmassstäbe anzulegen sind, wenn es darum geht, Schuld und Vergehen abzuwägen.

Darum sollte sich jeder Mensch während des ganzen Jahres so betrachten, als sei er halb schuldig und halb verdienstreich. Auch die Welt sollte er so betrachten. Wenn er sich dann durch irgendeine Tat schuldig macht, so hat er nicht nur die Waagschale seines eigenen Schicksals belastet, sondern die der ganzen Welt, und könnte so deren Zerstörung verursacht haben, genau wie den Verlust seines eigenen Lebens. Hat er hingegen eine Mizwa erfüllt, so ist es möglich, dass er das Zünglein der Waage für sich selbst und für die ganze Welt entscheidend bewegt hat, und zu seiner Errettung, so wie auch zur Rettung der ganzen Welt beigetragen hat. So steht geschrieben: "WeZaddik Jessod Olam – und der Gerechte ist der Grundpfeiler der Welt" (Mischlei 10, 25). Wer das Rechte tut, hat für die ganze Welt Verdienst errungen und sie gerettet (Rambam Hilchot Teschuwa Kap. 3, 1-5).

Was bedeutet "Tag des Gerichts"?

Unsere Weisen sagen, dass den Menschen am Rosch Haschana nicht der Gerichtsspruch erteilt wird, ob sie des Gan Eden würdig werden oder Olam Haba – die zukünftige Welt – verdient haben oder nicht. Das Urteil, das am Rosch Haschana gefällt wird, bezieht sich nur auf die Dinge dieser Welt, ob der Mensch es verdient, in Frieden zu leben, oder ob er leiden oder gar sterben muss. Im Traktat Rosch Haschana sagen unsere Weisen: Dies ist der Tag, an dem Dein (G"ttes) Werk begann, Erinnerung an den ersten Tag. "Ki Chok LeJisrael Hu – denn es ist Gesetz für Israel, Rechtsspruch für den G"tt Jaakows." Für die Staaten wird ebenfalls beschlossen, welches Land Krieg führen muss und welches in Frieden leben kann, welches Hungersnot erleiden muss und welchem Überfluss beschieden ist. An ihm werden die Geschöpfe bedacht, um sie an Leben und Tod zu erinnern. Und so wird berechnet: Am Rosch Haschana werden die Handlungen des Menschen gewogen, es wird dann eingeschrieben und besiegelt, ob er in dieser Welt Verdienste hat oder ob er Schuld auf sich geladen hat. Nach seinen Taten in dieser Welt erhält er den Anteil, der ihm gebührt. Erst wenn der Mensch stirbt und in seine ewige Heimat gerufen wird, werden seine Taten gewogen und die Entscheidung gefällt, ob er sich für die "Welt der Seelen" würdig erwiesen hat (Ramban, zitiert von Awudraham).

Sogar wenn ein Mensch das ganze Jahr hindurch gesündigt hat, soll er nicht verzweifeln, denn er hat die Möglichkeit zur Teschuwa, zur Rückkehr, er kann immer den rechten Weg einschlagen, bevor er zum Gericht kommt. Er muss nur im innersten Herzen daran glauben, dass er imstande ist, das Zünglein an der Waage zu seinen Gunsten und zugunsten der Welt zu bewegen. Aus diesem Grund ist es auch Sitte, dass man zwischen Rosch Haschana und Jom Kippur mehr Wohltätigkeit übt und sich bemüht, Mizwot und gute Taten zu tun, mehr als an allen anderen Tagen des Jahres.

"Ein Mensch wird nur in Bezug auf seine augenblicklichen Taten beurteilt" (Rosch Haschana 16b). Auch wenn er während des ganzen Jahres in Sünde versunken war, wird G"tt Zeugnis aussagen, dass Israel Seinen Willen ausführen will. Wenn es am Tag des Gerichts Reue zeigt und zurückkehrt, um G"ttes Willen zu erfüllen, dann wird es beurteilt für das, was es augenblicklich ist.

Da Rosch Haschana Tag des Gerichts ist, soll jeder Mensch g"ttesfürchtig sein, da er sich ja vor Seinem Gericht zu verantworten hat. Er sei nicht leichtsinnig und lasse sich von nichts ablenken, damit er sich ehrfurchtsvoll und bangend vor das Gericht stellt.

In diesen Tagen ist das Volk Israel so sehr vor Furcht vor dem G"ttlichen Urteil erfüllt, dass es am Rosch Haschana kein Hallel sagt, obwohl Rosch Haschana ein Feiertag ist. Israel sagt nur Hallel, wenn sein Herz von Freude erfüllt ist, aber an den Tagen des Gerichts ist das Zittern grösser als die Freude. Darum sagt man kein Hallel.

"Die diensthabenden Engel sagten vor G"tt: Herr der Welt, warum sagt Israel kein Hallel am Rosch Haschana und am Jom Kippur? Da antwortete Er ihnen: Wenn der König zu Gericht sitzt, und die Bücher des Lebens und des Todes vor Ihm geöffnet sind, kann Israel dann ein Loblied singen?" (Rosch Haschana 32b).

Trotz alldem sollte der Mensch nicht traurig sein, wenn er vor Gericht steht, er soll sich die Haare scheren, sich waschen zu Ehren des Festes und Feiertagskleider anziehen, um damit zu zeigen, dass G"tt uns ein gerechtes Urteil sprechen wird. Darum weinen wir auch nicht am Rosch Haschana. (Während des Gebetes jedoch ist es erlaubt zu weinen. Es gibt Fromme, die während des Gebetes an den Hohen Feiertagen Tränen vergiessen. Sie weinen wie kleine Kinder, um die Barmherzigkeit des Himmels zu erwecken. Auch wenn wir glauben, weise und einsichtig zu sein, so sind wir doch vor dem Heiligen, gelobt sei Er, wie kleine Kinder, die sich nicht schämen, vor ihrem Vater zu weinen, wenn sie etwas von ihm erbitten wollen.)

Esra, der Schriftgelehrte, pflegte immer am ersten Tischri eine Toravorlesung vor der Gemeinde zu veranstalten. Das Volk, beeindruckt von den eindringlichen Worten der Tora, begann zu weinen. Esra und Nechemia sprachen zu ihnen: "Al Titablu We'al Tiwku" – seid nicht traurig und weinet nicht! … Geht und esst das Fette und trinkt das Süsse und sendet auch denen davon, die nichts vorbereitet haben, denn dieser Tag ist heilig unserem Herrn. Seid nicht traurig, denn die Freude G"ttes ist eure Stärke" (Nechemia 8, 9-10).

"Umi Goi Gadol… Und welches ist ein grosses Volk? Das gerechte Gesetze und Rechtsverordnungen hat, wie diese ganze Lehre, die Ich euch heute vorlege" (Dewarim 4, 8). "Wer gleicht einer solchen Nation? In der ganzen Welt ist es Sitte, dass man am Tag des Gerichts dunkle Kleider anlegt und sein Haupt in Schwarz hüllt, denn man weiss ja nicht, wie das Urteil ausfällt. Bei Israel ist dies aber nicht so, sie legen weisse Gewänder an, hüllen ihr Haupt in Weiss, essen, trinken und sind fröhlich. Sie wissen, dass der Heilige, gelobt sei Er, ihnen Wunder tut" (Jeruschalmi, Rosch Haschana Kap. 1, Halacha 3).

Die erste Nacht von Rosch Haschana

Am ersten Abend von Rosch Haschana, nach dem Abendgebet, wünscht einer dem andern ein gutes Jahr. Man sagt: "Leschana Towa Tikatew Wetechatem Lealtar Lechaim Towim – Mögest du eingeschrieben und besiegelt werden, sofort, für ein gutes Leben". (Zu einer Frau sagt man Tikatewi Wetechatemi…) Warum wird die gleiche Wunschformel nicht auch am nächsten Tag wiederholt? Zaddikim Gemurim – die vollkommenen Gerechten – werden ja sofort zum guten Leben eingeschrieben. Würde man die gleiche Formulierung wie am Vorabend anwenden, könnte dies bedeuten, dass der so Angesprochene kein Zaddik Gamur ist. Es soll jeder seinen Mitmenschen als einen Zaddik Gamur betrachten, sogar wenn dies nicht so scheint. Denn der Mensch beurteilt nur nach dem äusseren Eindruck, G"tt aber schaut ins Herz. Es könnte ja sein, dass diese Person Teschuwa in ihrem Herzen getan hat, dann wäre sie in der Tat ein Zaddik Gamur!

Unsere Weisen, ihr Andenken sei zum Segen, sagten: "Simana Milta Hi – Zeichen haben eine Bedeutung". So ist es am ersten Abend von Rosch Haschana Sitte, während der Mahlzeit verschiedene Speisen zu essen, die durch ihre Beschaffenheit oder ihren Namen eine symbolische Bedeutung für ein gutes, angenehmes Jahr haben. Darum wird die Challa, über die man Hamozi macht, in Honig getaucht. Hat man davon die vorgeschriebene Menge – von der Grösser einer Olive – gegessen, so nimmt man einen Süssapfel und taucht auch diesen in Honig ein. Man spricht dann zuerst den Segensspruch "Bore Peri Ha'ez", isst davon und anschliessend "Jehi Razon… Es sei Dein Wille, unser G"tt und G"tt unserer Väter, dass ein gutes und süsses Jahr für uns erneuert werden möge." Man soll dies erst nach dem Genuss des Apfelstückchens sagen, damit keine Unterbrechung zwischen der Beracha "Bore Peri Ha'ez" und dem Genuss der Frucht entsteht.

Nun werden verschiedene Gemüsesorten verzehrt, deren Namen im Hebräischen oder auch in anderen Sprachen Andeutung und Symbolik für ein gutes neues Jahr sein könnten.

Hier einige Beispiele:

Lauch, aramäisch Karti - Schejikartu Oiwecho – es mögen Deine Feinde ausgerottet werden…

Rüben – Schejirbu Sechujotenu – unsere Verdienste mögen grösser werden.

Silka, aramäisch für Mangold – Schejistalku Oiweinu – mögen unsere Feinde verschwinden.

Karotten, hebräisch GeserSchetikra Roa Gesar Dineinu – Du mögest die Härte unseres Urteils zerreissen.

Man pflegt auch den Kopf eines Fisches zu essen, denn erstens sind Fische Symbol für Segen, und beim Geniessen des Kopfes sagt man: "Es sei Dein Wille, dass wir zum Kopf werden und nicht zum Schwanz", d.h. wir wollen die ersten sein und nicht die letzten. Man bemühe sich, an diesem Tag nicht zornig zu sein, denn Zornausbrüche werden, auch während des ganzen Jahres, von unseren Weisen als schwerwiegendes, strafbares Vergehen bezeichnet. Doch am Rosch Haschana soll der Mensch sich besonders davor hüten. Vielmehr soll er seiner Freude Ausdruck geben. Sein Herz sei erfüllt von gutem Willen und Liebe, als gutes Zeichen für ihn.

Man soll am Rosch Haschana keine Nüsse essen, da sie Reiz im Hals hervorrufen und dies könnte beim Beten störend wirken. Ausserdem ist der Zahlenwert des Wortes "Egos – Nuss" – gleich dem Zahlenwert von "Chet – Sünde". Es ziemt sich an diesem heiligen Tag nicht, dieses Wort zu erwähnen.

Toravorlesung am Rosch Haschana

Beim Ausheben der Tora sagt man: "Wajehi Binsoa…" und auch die "13 Attribute": Haschem, Haschem, Kel Rachum Wechanun…. Wenn Rosch Haschana auf Schabbat fällt, wird letzteres nicht gesagt. Am Rosch Haschana werden die üblichen Verse zum Ausheben der Tora gesagt, nur wird bei dem Vers "Echad Eloikeinu …" das Wort "Nora, Ehrfürchtiger" hinzugefügt. Es werden zwei Torarollen ausgehoben, aus der einen liest man: "WaHaschem Pakad Et Sara" – die Erzählung von der Geburt Jizchaks (Bereschit 21). Es werden fünf Personen aufgerufen. Aus dem zweiten Sefer wird der Text über die Opfer des Festes vorgelesen (Badmidbar 29, 1-6). Als Haftara liest man Schmuel I 1-2, 10. Sie enthält den Bericht über die Geburt Schmuels, denn auch Chana wurde, wie Sara, am Rosch Haschana bedacht. Auch Chanas Dankgebet ist in der Haftara enthalten. Die neun Segenssprüche des Mussafgebets von Rosch Haschana sind nach diesem Gebet aufgebaut (Pesikta Rabbati).

Am zweiten Tag werden ebenfalls fünf Personen aufgerufen. Man liest die "Akeida – die Bindung Jizchaks" (Bereschit 22). Jizchaks Opferbereitschaft soll Fürsprecher für seine Nachkommen an diesem Tag sein. Aus dem zweiten Sefer liest man wieder über die Opfer des Festtages. Die Haftara stammt aus Jirmijahu 31, 5-20. Diese Haftara enthält eine Schilderung unserer Stammmutter Rachel, die sich weinend weigert, Trost für ihre aus dem Land verbannten Kinder anzunehmen. Auch die Verdienste der Wüstengeneration werden erwähnt, die dem jüdischen Volk beistehen sollen an diesem Tag des Gerichts, G"ttes Erbarmen zu wecken.

Das Schofarblasen

Es wurde uns von der Tora geboten, am Rosch Haschana Schofar zu blasen. "Uwachodesch Haschewi'i … und im siebten Monat, am ersten des Monats, Ruf zum Heiligtum sei euch. Keinerlei Werk dürft ihr verrichten, ein Tag der Terua – des erschütternden Tones – soll er euch sein" (Bamidbar 29, 1).

Rambam in seinen Hilchot Teschuwa, Kap. 3, 4 sagt in diesem Zusammenhang: "Obwohl das Schofarblasen am Rosch Haschana eine G"ttliche Anordnung der Tora ist, ist darin auch eine Andeutung enthalten: Wachet auf, ihr Schläfer aus eurem Schlaf, erwachet aus eurem Schlummer. Erforschet eure Taten, kehret zurück und erinnert euch an euren Schöpfer. Ihr, die ihr die Wahrheit durch die Nichtigkeiten der Zeit vergessen habt, ihr, die ihr während des Jahres durch Sinnlosigkeit und Leere, die weder Nutzen noch Rettung bringen können, gefehlt habt, schaut in die Tiefen eurer Seele, bessert eure Wege und eure Handlungen. Ein jeder von euch verlasse seinen schlechten Weg und seine Gedanken, die nicht gut sind."

Rabbi Sa'adia Hagaon erwähnt zehn Gründe für das Schofarblasen:

  1. An diesem Tag hat G"tt die Schöpfung vollendet und wurde König über Seine Welt. Jeder König lässt mit Posaunenschall verkünden, dass seine Herrschaft beginnt. Auch wir setzen den Schöpfer, gelobt sei Er, an diesem Tag zum König ein.
  2. Rosch Haschana ist der erste der Asseret Jemei Teschuwa, der zehn Busstage. Man lässt den Schofarton erschallen, um uns zu warnen: Wer zurückkehren will, der tue es. Wer aber nicht, der erhebe keine Selbstanklage. Auch Könige warnen ihre Untertanen vor Antritt ihrer Regierungszeit, ihren Verordnungen Folge zu leisten, und wer die Gesetze übertritt, soll sich nicht beklagen.
  3. Der Schofarton soll die Offenbarung am Sinai in Erinnerung bringen, denn dort heisst es: "Wajehi Kol Haschofar Holech Wechasek Meod – und der Schofarton wurde immer stärker …" (Schemot 19, 19). So wollen auch wir, wie unsere Väter, der Bereitschaft von "Na'asse Wenischma – wir wollen hören und tun – Ausdruck geben, die Gesetze der Tora einzuhalten.
  4. Der Schofarton erinnert uns auch an die Botschaft der Propheten, die mit Schofarblasen verglichen wird: "Weschama Haschomea Et Kol Haschofar … - wer den Schofarton hört, und sich nicht warnen lässt und das Schwert kommt und rafft ihn hinweg, so kommt sein Blut über sein Haupt … wer sich aber warnen lässt, der wird mit dem Leben davonkommen" (Jecheskel 33, 4-5).
  5. Der Schofarton ruft die Zerstörung des Tempels in Erinnerung, den Terua-Ton des Krieges unserer Feinde. Wenn wir das Schofar hören, bitten wir G"tt, unser Heiligtum wieder aufzubauen.
  6. Wenn man den Schall des Widderhornes hört, wird man an die "Akeidat Jizchak – die Bindung Jizchaks" erinnert. Jizchak war bereit, sein Leben für G"tt hinzugeben, doch der Widder wurde an seiner Stelle geopfert. Auch wir sind bereit, unser Leben für die Heiligkeit Seines Namens hinzugeben, und so möge Er uns zum Guten gedenken.
  7. Wenn wir den Schofarton hören, soll uns Ehrfurcht und Zittern ergreifen. Wir sollen uns vor unserem Schöpfer demütigen. Denn dies ist die Wirkung des Schofars: Zittern und Beben zu veranlassen. So wie es heisst: "Im Jittaka Schofar Be'Ir … Wenn das Schofar in der Stadt geblasen wird, soll etwa das Volk nicht erschrecken?" (Amos 3, 6)
  8. Der Schofarton lässt uns an den Jom Hadin Hagadol – den Tag des grossen Gerichtes – denken. So wie es heisst: "Karow Jom Haschem Hagadol… - Nahe ist der Tag G"ttes, der grosse, sehr nah und sehr bald … Es ist ein Tag von Schofar- und Terua-Ton …" (Zefania 2, 14-16).
  9. Der Schofarton lässt uns an "Kibbuz Galujot – das Wiedereinsammeln der Zerstreuten" – denken und unsere Hoffnungen erwecken. So wie es heisst: "Wehaja Bajom Hahu Jittaka Beschofar Gadol … - und es wird sein an jenem Tag, da wird man in ein grosses Schofar blasen, da werden die Verlorenen aus dem Land Aschur kommen und die Verstossenen aus dem Land Mizraim …" (Jeschajahu 27, 13).
  10. Der Schofarton erinnert uns an die Wiederbelebung der Toten, und verstärkt unsere Glaubensgewissheit daran. So wie es heisst: "Kol Joschwei Tewel Weschochnei Arez … - alle, die ihr auf Erden wohnt, und die ihr im Land sitzt, werdet sehen, wie man die Paniere auf den Bergen erhöht, und wie man ins Schofar bläst, werdet ihr vernehmen … " (Jeschajahu 18, 3).

Der Tag des Terua-Tones

Die Tora nennt den Tag des ersten Tischri "Jom Terua – den Tag des Terua-Tones", nicht "Jom Tekia". Dies deutet auf Herzeleid hin, (die genaue Übersetzung von Terua ist: "gebrochener Ton"). Er ruft Gefühle der Reue und der Rückkehr der Sündhaftigkeit hervor. Wer seine Sünden bereut, weint, seufzt und bereut seine Fehler. Man nimmt sich vor, sie nicht wiederzutun. So ist "Jom Terua" ein Tag des zerbrochenen Herzens, der zu Reue und Rückkehr aufruft. (Menorat Hamaor, Abschnitt 293, Seite 624, Mossad Haraw Kook)

Über das Schofarblasen und –hören

Wieviel Schofartöne ist man verpflichtet zu hören? Es müssen neun Tekiot sein. Die Begründung ist in der Tora zu finden: Das Wort "Terua" steht dreimal in der Tora, zweimal im Zusammenhang mit Rosch Haschana (Wajikra 23, 24 und Bamidbar 29, 1) und einmal bezieht es sich auf Jom Kippur im Joweljahr (Wajikra 25, 9). Nach der Überlieferung muss jeder Terua eine Tekia vorangehen. Auch ist es uns überliefert, dass alle Teruot des siebten Monats sich gleichen, sodass sowohl am Rosch Haschana als auch am Jom Kippur des Joweljahres je neun Töne geblasen werden: Tekia, Terua, Tekia dreimal.

Die genaue Natur und Ausführung des Terua-Tones ist im Lauf der Jahrhunderte zweifelhaft geworden. Die Bedeutung des Wortes "Terua" birgt Seufzen und Wimmern in sich, und zwar in dieser Reihenfolge, da ein Mensch bei einem Schicksalsschlag zuerst seufzt und dann, länger anhaltend, wimmert.

Das Seufzen wird mit dem "Schewarim" und das Wimmern mit dem "Terua" ausgedrückt.

Die Ordnung des Schofarblasens ist nun folgendermassen festgesetzt:

Der Schofarbläser sagt die Bracha. Dann ertönt:

Tekia            Schewarim – Terua           Tekia

Tekia            Schewarim – Terua                     Tekia

Tekia            Schewarim – Terua           Tekia

Dies sind zwölf Schofartöne. Es folgen nochmals neun Töne:

Tekia            Schewarim   Tekia

Tekia            Schewarim   Tekia

Tekia            Schewarim   Tekia

Dann ertönt:

Tekia            Terua           Tekia

Tekia            Terua           Tekia

Tekia            Terua           Tekia

Dies sind wieder neun Töne, insgesamt 30. Mit dieser Anordnung durch die Varianten sind alle Zweifel das Wort "Terua" betreffend aus dem Weg geräumt …. (Rambam Hilchot Schofar, Kap. 3, 1-4).

Diese 30 Schofartöne, die nach der Toravorlesung und vor dem Mussafgebet geblasen werden, nennt man "Tekiot Mejuschaw", d.h. man dürfte diese Töne sitzend anhören, nur der Schofarbläser muss die Mizwa stehend ausführen. Dies im Gegensatz zu den "Tekiot Me'umad", die bei der Wiederholung des Mussafgebetes geblasen werden, und man stehend anhören muss. Sie beschliessen jeweils die drei Gebetseinheiten: Malchujot, Sichronot und Schofarot.

Hundert Schofartöne

Es ist mit der Zeit zum Brauch geworden, im ganzen hundert Schofartöne zu blasen: Tekiot, Schewarim und Teruot. Diese Zahl hundert wird mit den hundert Wehklagen der Mutter Sisras in Zusammenhang gebracht: "Madua Boschesch Richbo Lawo …, Warum säumt sein Wagen anzukommen, warum zögern die Tritte seiner Gespanne?" (Schoftim 5, 28). Ihr Weinen und Jammern wird in Deworas Lied mit 101 Buchstaben beschrieben, beginnend mit "Bead Hachalon" bis "Amareha La" (Schoftim 5, 28 – 5, 29).

Die Frage erhebt sich, welcher Zusammenhang zwischen den Schofartönen und den 101 Buchstaben besteht, und wenn ein solcher besteht, warum sind es dann nur hundert Töne, und nicht 101?

Die Schofartöne sollen Erbarmen bei G"tt erwecken für die Nachkommen Jizchaks, der auf dem Altar gebunden war. Das Schluchzen von Sisras Mutter war ein Schluchzen der Grausamkeit. Wenn die Mutter ihren Sohn, den Krieger, beweint, sollte sie dann nicht auch an all die anderen Mütter mitleidig denken, die wie sie ihre Söhne verloren haben? Die Mutter Sisras aber denkt nur an die Kriegsbeute, die ihr Sohn mit den andern Soldaten teilt: "Halo Jimze'u Jechalku Schalal … finden sie nicht Beute und verteilen sie?" (ibid 5, 30). Diese Gedanken vertreiben ihren Schmerz! Gibt es grössere Grausamkeit als diese? So sollen denn die 100 Schofartöne des Erbarmens die 100 Wehgeschreie der Grausamkeit zunichtemachen. Ausser einem, dem einen Wehgeschrei des Erbarmens, das sogar bei der grausamsten Mutter zu finden ist, die ihren Sohn beweint!

Die letzte Tekia nach jeder Serie der Tekiot wird lang hinausgezogen, eine "Tekia Gedola". Unsere Weisen sagen, dass durch den verlängerten Ton der Satan – der Hinderer – verhindert werde zu kommen, um Jisrael nach dem Gebet anzuklagen, weil es dann isst, trinkt und fröhlich ist und es so aussieht, als ob es keine Furcht vor dem G"ttlichen Gericht hätte.         

Das Schofarblasen – allerletzter Schutz

Der Maggid aus Dubno erzählt folgendes Gleichnis: Ein Wanderer verirrte sich einst in einem Wald, in dem es wilde, reissende Tiere gab. Er hatte Pfeil und Bogen zu seinem Schutz dabei. Immer, wenn er von weitem eine Gestalt sah, dachte er, es seien Bären, Wölfe oder Löwen. Jedesmal, wenn er glaubte, ein wildes Tier zu sehen, schoss er einen Pfeil ab, doch wurde es ihm bald gewahr, dass er seine Geschosse nur auf seine Hirngespinste vergeudet hatte. Am Ende blieb ihm nur noch ein einziger Pfeil übrig. Diesen bewahrte er mit Bedacht, denn er wusste, dass dieser Pfeil ihm in der Gefahr Lebensretter sein würde.

Welche Lehre können wir aus diesem Gleichnis ziehen?

Als wir noch in der G"ttlichen Stadt, auf dem Berg Seiner Heiligkeit, weilten, standen viele Dinge zur Verfügung, die uns Schutz boten: Der Tempel, der Altar, die Opfer und der Hohepriester. Wir fühlten uns sicher und geborgen, beschützt vor allen Gefahren. Aber heute steht uns nur eine einzige "Waffe" zur Verfügung; es ist dies das einfache, bescheidene Schofar. Darum müssen wir vorsichtig mit diesem umgehen, und uns seiner mit Weisheit und Umsicht bedienen.

Die Segenssprüche über das Schofarblasen

Jeder Mizwa, die uns "Bein Adam Lamakom – in Beziehung zu G"tt" – befohlen ist, sei sie von der Tora oder von unseren Weisen angeordnet, wird von einer entsprechenden Beracha – einem Segensspruch – begleitet. Wir müssen G"tt dafür danken und Ihn loben, dass Er uns mit diesen Mizwot heiligt, wenn wir sie ausführen. Unsere Weisen haben in der Tora Hinweise und Andeutungen dafür gefunden, keine Mizwa ohne Beracha zu erfüllen. Aber auch auf den gesunden Menschenverstand kann sich diese Anordnung stützen: Wir sagen eine Beracha bei jeder sich im Moment bietenden Nutzniessung für eine augenblickliche Annehmlichkeit. Um wieviel mehr noch sind wir verpflichtet, G"tt für Dinge zu danken, die Ewigkeitscharakter tragen!

Dies ist die Formulierung der meisten Segenssprüche: "Gesegnet seist Du, G"tt, unser G"tt, König der Welt, Der uns geheiligt hat mit Seinen Geboten …" Wir wenden uns an G"tt immer in der zweiten Person Singular "Du". Am Schluss der Beracha aber sagen wir "Ascher Kideschanu … - Der uns geheiligt hat", also in der dritten Person. Warum ist dies so? Wenn man zu segnen beginnt, wendet man sich direkt an den Angesprochenen. Die Anrede entspringt einem natürlichen Herzensbegehren. Dann aber erwachen Gefühle der Ehrfurcht und des Zitterns, denn schliesslich steht man doch vor dem König aller Könige, vor dem Heiligen, gelobt sei Er. Wie könnte man sich denn mit dem vertrauten "Du" an Ihn wenden? Darum beschliesst man die Beracha, fast sich entschuldigend: " ….. Der uns mit Seinen Geboten geheiligt hat …" – wie könnte ich dann schweigen, und Ihn nicht segnen?

Über das Schofarblasen werden zwei Berachot gesagt: Eine über die Mizwa selbst: …. "den Schofarton zu hören" und die zweite "Schehechejanu …. Der uns am Leben erhalten hat ….". Das Schofarblasen ist eine seltene, nicht täglich auszuführende Mizwa. Es vergeht längere Zeit, bis man sie ausführen kann. Darum dankt man G"tt dafür, dass Er uns diese Zeit hat erreichen lassen, dass wir noch leben, sodass wir sie erfüllen können. Die erste Beracha nennt man "Birkat Hamizwa – den Segensspruch über die Mizwa" selbst, die zweite "Birkat Schehechejanu". Sie wird immer nach der "Birkat Hamizwa" gesagt. Beide Berachot gehen der Ausführung der Mizwa voran. Man spricht den Segensspruch zuerst und erfüllt dann die Mizwa.

Die Mizwa, den Schofarton zu hören, ist für jedermann verbindlich, und muss nicht unbedingt "Bezibbur" - in der Gemeinschaft – ausgeübt werden. Allein oder im gemeinsamen Gebet in der Synagoge, ist man verpflichtet, Schofar zu blasen oder zu hören und die dazugehörigen Segenssprüche zu sprechen. Es ist vorzuziehen, diese Mizwa innerhalb der Gemeinschaft zu erfüllen, weil wir mit dem Schofarblasen G"ttes Königtum und Seine Herrschaft über das Weltall verkünden. So drücken wir unsere Dankbarkeit aus, dass Er mit Seinen gerechten Gesetzen die Welt regiert. "Berow Am Hadrat Melech …. – wo ein König viel Volk hat, manifestiert sich Seine Herrlichkeit …" (Mischlei 14, 28). Darum versammelt man sich in den Synagogen, und Leute aus den kleinsten Ortschaften, in denen kein regelmässiger G"ttesdienst stattfindet, treffen sich in den grösseren Städten, wo einer für alle Schofar bläst. Der Schofarbläser sagt die Beracha und alle Anwesenden hören sie und richten ihre Gedanken darauf, die Mizwa des Schofarblasens und der Berachot in vorgeschriebener Weise zu erfüllen. Sowohl der Schofarbläser selbst, als auch die Zuhörer, haben die Mizwa richtig erfüllt, wenn ihre Gedanken in voller Absicht darauf gerichtet sind. (Wenn man vergessen hat, "Amen" nach der Beracha zu sagen, so hat man die Mizwa trotzdem erfüllt, vorausgesetzt, dass man seine Gedanken darauf konzentriert hat.)

Zwischen der Beracha und dem Ende des gesamten Schofarblasens darf man nicht unterbrechen, sogar nicht mit einem einzigen Wort. Hat man dies jedoch getan, so muss man die Beracha nicht wiederholen.

Verse, die vor dem Schofarblasen gesagt werden

Vor dem Schofarblasen und den Berachot pflegt man das 47. Kapitel aus Tehillim siebenmal zu sagen: "Kol Ha'amim Tik'u Chaf … ihr Völker alle, schlaget in die Hände …", denn in diesem Psalm kommt der G"ttliche Name siebenmal vor, und zwar "Elokim" – der G"tt des Gerichts. Danach werden sieben zusätzliche Verse gesagt, die G"ttliches Erbarmen beinhalten.

"Min Hamezar Karati Ka … aus der Bedrängnis rief ich G"tt, und Er antwortete mir in der Weite G"ttes" (Tehillim 118, 5). Hierauf folgen sechs andere Verse, deren Anfangsbuchstaben die Worte "Kera Satan – Vernichte den Ankläger" ergeben: K-oli Schamata … R-osch Dewarcha … A-row Awdecha … Sa-ss Anochi … T(a)-uw Ta'am … N-idwot Pi…

Danach werden die Berachot gesagt und Schofar geblasen.

Der Sinn von "Schofar"

"Der Mensch ist verpflichtet, sich am Rosch Haschana beim Schofarblasen zu konzentrieren. Er soll sich ins Bewusstsein rufen, dass dies der Tag des Gerichts ist, und dass der Heilige, gelobt sei Er, auf dem Richterstuhl sitzt. Alle Menschen der Erde ziehen vor Ihm vorbei wie Lämmer, so wie der Hirte seine Schafe vorbeiziehen lässt. Er mustert sie und sagt: Dieses bleibt am Leben und dieses wird geschlachtet. So geht auch der Mensch am Rosch Haschana vor dem Heiligen, gelobt sei Er, vorbei. All seine Taten sind in einem Buch aufgeschrieben, und werden vor dem Heiligen, gelobt sei Er, vorgelesen. Kein Mensch weiss, ob sein Richtspruch auf Leben oder Tod lautet. Darum soll der Mensch sich auf den Schofarton konzentrieren, denn dieser erinnert ihn daran, Teschuwa zu tun. Wenn er zu G"tt zurückkehrt, wird Er Erbarmen mit ihm haben und er wird am Tag des Gerichts freigesprochen werden" (Menorat Hamaor).

"Im Midrasch Tehillim heisst es: Stosset in das Schofar, wenn der neue Monat kommt. Dazu sagt Rabbi Berachja im Namen von Raw Abba: Verbessert eure Taten, heiligt euer Tun! (Die Stammbuchstaben des Wortes Schofar Sch-F-R haben die Bedeutung von verbessern, verschönern). Wie ist denn die Beschaffenheit des Schofar? Man bläst in das eine Ende hinein und der Ton kommt am anderen Ende heraus. So sagt G"tt: Wenn auf der einen Seite alle Anklagen der Welt Mich erreichen, so höre Ich sie von der einen Seite an und hole sie von der anderen Seite heraus!" (Awudraham)

Am Schabbat bläst man kein Schofar

Trotzdem es eine grosse Mizwa ist, Schofar zu blasen, weil es die Krönung des Königs verkündet, und weil es bei der Gerichtsverhandlung zum Erbarmen aufruft, haben unsere Weisen angeordnet, am ersten Tag Rosch Haschana kein Schofar zu blasen, wenn er auf Schabbat fällt. Diese Anordnung betont die Vorrangigkeit des Schabbat, denn der Schabbat würde entweiht, wenn das Schofar vier Ellen im öffentlichen Gebiet oder von Privatgebiet in ein öffentliches Gebiet oder umgekehrt getragen würde.

Die Gesetze des Schabbat sind so schwerwiegend, dass sogar die Möglichkeit der Entweihung durch einen einzelnen eine so bedeutende Mizwa wie das Schofarblasen für die Gesamtheit verdrängt. Dies gilt auch für Städte oder Ortschaften, in denen es erlaubt wäre, Gegenstände von einem Gebiet ins andere zu tragen – d.h. in denen es einen Eruw gibt.

Auf jeden Fall wird die Mizwa des Schofarblasens niemals aufgehoben, denn, wie schon erwähnt, wird Rosch Haschana wie ein verlängerter Tag gerechnet, und so ist das Schofarblasen am zweiten Tag gleichwertig wie das Blasen am ersten Tag. Wenn also das Schofarblasen am ersten Tag wegen Schabbat ausfällt, so ist mit dem Schofarblasen des zweiten Tages die Mizwa erfüllt. Da der zweite Tag Rosch Haschana niemals auf Schabbat fallen kann, wird an ihm immer Schofar geblasen.

Bei der Verordnung, am Schabbat kein Schofar zu blasen, handelte es sich um jene Orte, an denen es kein Beit Din - keinen Gerichtshof – gab. Doch als der Tempel noch stand und es in Jeruschalajim noch ein Beit Din Gadol – einen Hohen Gerichtshof – gab, wurde in Jeruschalajim und seinen Vororten auch am Schabbat Schofar geblasen, nicht aber in den übrigen Städten Erez Jisraels.

Die Zeit des Schofarblasens

Die Zeit des Schofarblasens ist der Tag und nicht die Nacht, vom Sonnenaufgang bis zum –untergang. Es ist eine Mizwa, es so früh wie möglich auszuführen. Weshalb bläst man aber erst nach dem Morgengebet und nach der Toravorlesung, beim Mussafgebet und nicht beim Morgengebet? Dies beruht auf folgendem Geschehen:

Zur Zeit der Verfolgungen wurden die Juden verdächtigt, Krieg gegen ihre Feinde führen zu wollen. Die Juden hatten sich zum Schofarblasen in den Synagogen versammelt, und so dachten die Feinde, dass das Terua-Blasen eine Aufforderung zum Kampf sei. Darum wollten die Feinde die Juden töten. Aus diesem Grund wurde angeordnet, erst zu Mussaf Schofar zu blasen. Die Feinde, die sehen, dass die Juden im Gebet versunken sind, das Schema-Gebet verrichten und die Tora vorlesen und danach Schofar blasen, verdächtigen sie nicht des Aufruhrs und des Kampfes. Sie denken sich dann, dass das Schofarblasen zur Gebetsordnung gehört.

Ein anderer Grund für die Verschiebung des Schofarblasens bis zum Mussafgebet ist folgender: Die Feinde der Juden hatten ein Verbot ausgerufen, es dürfe kein Schofar geblasen werden. Als nun sechs Stunden des Tages vergangen waren und man keinen Schofarton vernommen hatte, gaben sie die Kontrolle auf, und man blies erst dann Schofar. Zwar ist heute die Begründung des späten Schofarblasens nicht mehr triftig, man hat es jedoch dabei belassen, weil die gleiche Situation noch einmal eintreten könnte.

Trage uns ein in das Buch des Lebens

Am Rosch Haschana soll der Mensch seinen Sinn auf das Gebet richten, hauptsächlich auf G"ttes Herrschaft und auf Anliegen der Gemeinschaft, mehr als auf persönliche Bitten. Man wendet sich an den Richter der Welt, um Freispruch für die ganze Menschheit zu erhalten, man bittet um Weltfrieden und um Offenbarung des G"ttlichen Königreiches, für all Seine Geschöpfe. Jeder einzelne auf der Welt möge anerkennen, dass es G"tt ist, Der ihn erschaffen hat, jeder Erdenbürger soll verstehen, dass Er es ist, Der ihn gebildet hat, und alles, was Atem hat in seinem Antlitz, spreche: G"tt, G"tt Israels ist König, und Seine Regierung waltet über alles. Dieser Gedanke steht im Vordergrund des Gebetes für den Tag des Gerichts, an dem alle Erdenbürger vor Ihm vorüberziehen wie Schafe vor ihrem Hirten, damit Er sie richte, sei es zum Leben oder zum Tode.

Wenn ein Mensch weiss, dass der Tag gekommen ist, an dem er sich vor dem Hohen Gericht verantworten muss für alle seine Taten, kann er sich nicht einzig und allein für seine eigenen Anliegen einsetzen. Sogar wenn er sicher ist, dass er selbst freigesprochen wird, kann er sich nicht ausschliesslich für sich selbst verwenden. Er wird sich bewusst, dass das Schicksal der ganzen Welt auf dem Spiel steht. Wird die Menschheit bestraft oder begnadigt werden? Darum bittet jeder um Erbarmen, sowohl für sich selbst als auch für die gesamte Menschheit, damit alle in das Buch des guten Lebens eingetragen werden. So möge Er, Der das Leben jedes Menschen bestimmt, die Wünsche aller erfüllen und an nichts mangeln lassen. So sagen unsere Weisen: "Der, der das Leben gibt, sorgt auch für Lebensunterhalt."

Gebete für die "Jamim Nora'im" – die Hohen Feiertage

Die Gebete, mit denen sich das Volk Jisrael an Rosch Haschana und Jom Kippur an G"tt wendet, unterscheiden sich grundlegend von den Gebeten anderer Feiertage. Viele Einschaltungen werden hinzugefügt. Sowohl die charakteristischen Melodien, als auch die Anzahl der Segenssprüche sind voll und ganz der Würde und der Bedeutung dieser Tage angepasst.

Das Hauptgebet – die Amida – enthält an gewöhnlichen Wochentagen 18 beziehungsweise 19 Segenssprüche, an Schabbatot und an anderen Feiertagen sieben: die ersten und die letzten drei Berachot wie üblich. Die vierte Beracha ist der "Keduschat Hajom" – der Heiligkeit des Tages – angepasst. Am Schabbat endet sie mit "Mekadesch Haschabbat – Der den Schabbattag heiligt", und an Feiertagen mit "Mekadesch Jisrael Wehasemanim – Der das Volk Jisrael und die Feiertage heiligt."

Die Gebete der drei "Regalim" – der drei Wallfahrtsfeste – sind identisch, es wird nur jeweils der Name des Festes speziell erwähnt. Auch wird im Mussafgebet bei der vierten Beracha das entsprechende Opfer des Tages erwähnt. Am Rosch Haschana jedoch gibt es zahlreiche Änderungen:

  1. In den zwei ersten und den zwei letzten Segenssprüchen werden vier Einschaltungen hinzugefügt:
  2. a) "Sochrenu Lechaim … - gedenke unser zum Leben…. "
  3. b) "Mi Chamocha … - wer ist wie Du … "
  4. c) "Uchetow … - schreibe uns ein zum Leben … "
  5. d) "Besefer Chaim … - in das Buch des Lebens … "

Diese Einschaltungen werden während der "Asseret Jemei Teschuwa – der 10 Busstage" - bis zu Ne'ila – dem Schlussgebet an Jom Kippur – gesagt. (Beim Ne'ilagebet erfolgt eine zusätzliche Änderung: statt "Ketiwa – Einschreiben" wird "Chatima – Besiegeln" gesagt.)

  1. Der dritte Segensspruch schliesst mit: "Hamelech Hakadosch – der Heilige König". Diese Änderung gilt ebenfalls für alle zehn Busstage.
  2. Dem dritten Segensspruch: "Ata Kadosch – Du bist heilig …" werden Bittgebete hinzugefügt. Diese beinhalten: Offenbarung der G"ttlichen Herrschaft auf der ganzen Erde, Wiederherstellung der Ehre des auserwählten Volkes Jisrael und derer, die G"tt dienen, die Freude der Gerechten und der Jubel Jerusalems, das Verschwinden der Frevelherrschaft auf Erden und der Hoffnung auf das Erscheinen des messianischen Lichtes. Diese Einschaltungen werden auch in der dritten Beracha am Jom Kippur hinzugefügt, jedoch nicht in der "Amida" zwischen Rosch Haschana und Jom Kippur.
  3. Während der anderen Feiertage werden in der vierten Beracha, Keduschat Hajom – der Heiligkeit des Tages, der jeweilige Feiertag und das Volk Jisrael erwähnt. Am Rosch Haschana jedoch, sowie auch am Jom Kippur, bittet man, es möge doch die G"ttliche Herrschaft sich wieder auf Erden verbreiten, über das Volk Jisrael sowie über alle Völker des Erdballes.
  4. In den meisten sefardischen Gemeinden, aber auch in vielen aschkenasischen, schaltet man vor der Schemone Essre, dem Achtzehngebet, Pijutim ein. Es sind dies liturgische Dichtungen. Auch in der Wiederholung der Amida des Vorbeters werden Pijutim eingeschaltet. "Awinu Malkenu" sagt man zum Abschluss des Schacharit – des Morgengebetes. Es wird jedoch nicht gesagt, wenn Rosch Haschana auf Schabbat fällt. In sefardischen Gemeinden sagt man "Awinu Malkenu" auch am Schabbat. In vielen Gemeinden wird Psalm 130 vor "Jozer Or" hinzugefügt: "Schir Hama'alot Mima'amakim Keraticha Haschem … - aus der Tiefe rufe ich Dich, G"tt".
  5. Der Vorbeter achtet besonders auf die Melodien des Gebetes, die in der Tradition für die Hohen Feiertage überliefert sind. An keinem anderen Feiertag kommt dies so wirkungsvoll zum Ausdruck. Einige der Einschaltungen und Gebetsänderungen sind uns von den "Anschei Knesset Hagedola" überliefert worden – von den Männern der Grossen Synode. Sie sind es auch, die die Gebetsordnung und den Nussach – die Version – für die Feiertage festgesetzt haben. Andere Traditionen stammen wiederum aus dem Mund der Weisen der späteren Generationen, die verstanden, wie man am Tag des Gerichts vor den Schöpfer hintreten, wie man Ehrfurcht vor dem grössten aller Richter bezeugen soll.
  6. Die wichtigsten Änderungen für den Tag des Gerichts finden ihren Ausdruck im Mussafgebet von Rosch Haschana: Es sind dies die "Malchujot, Sichronot und Schofarot".

Malchujot, Sichronot, Schofarot: Herrschaft G"ttes – das Gedenken – Sinn des Schofartones

Für die Mussafgebete des Jahres haben die Männer der Grossen Synode sieben Segenssprüche festgesetzt, für Rosch Haschana jedoch sind es neun. Die drei ersten und die drei letzten sind fast die gleichen wie des Mussafgebetes an anderen Feiertagen. Die drei zusätzlichen Berachot werden Malchujot, Sichronot und Schofarot genannt. Die "Malchujot" sind in der vierten Beracha eingeschlossen, der Keduschat Hajom, welche die Heiligkeit des Tages beinhaltet. Die Malchujot bilden keine eigene Beracha, denn die Verkündung von G"ttes Königtum ist ja auch das Besondere der vierten Beracha – der Keduschat Hajom. Den Sichronot und Schofarot sind zwei eigene Berachot gewidmet. Somit enthält die Mussaf-Amida von Rosch Haschana 9 Berachot.

Diese neun Segenssprüche entsprechen der neunmaligen Erwähnung des G"ttlichen Namen sin Chanas Bittgebet (Schmuel I Kap. 2, 1-10).

Im Talmud Berachot 29a heisst es: "Am Rosch Haschana wurden Sara, Rachel und Chana von G"tt mit Kindersegen bedacht." Darum sprechen wir im Gebet von Rosch Haschana einen Segensspruch für jede der neun Hinwendungen an G"tt, in welchen Chana mit prophetischer Sicht die Geburt ihres Sohnes vorausschaut.

In den "Malchujot" danken wir dem Heiligen, gelobt sei Er, dass Er der Schöpfer des Alls ist, und über alle Seine Geschöpfe herrscht. Wir bekunden, dass wir Seine Herrschaft für immer und ewig auf uns nehmen wollen: "Ki Ata Elokim Emet …. Denn Du bist G"tt in Wahrheit, und Dein Wort ist Wahrheit und für immer bestehend."

In den "Sichronot" danken wir und geben unserer Zuversicht Ausdruck, dass Er sich an alle Seine Geschöpfe erinnert und seit Anbeginn aller Taten jedes einzelnen Menschen gedenkt. Er vergilt all ihre Taten, seien sie gut oder böse. "Ki Socher Kol Hanischkachot – denn alles Vergessenen gedenkend – bis Du von je, und kein Vergessen gibt es vor dem Thron Deiner Herrlichkeit, und der Akeida – der Bindung – Jizchaks mögest Du heute seinen Nachkommen mit Erbarmen gedenken."

In den "Schofarot" geben wir unserem Willen Ausdruck, "das Joch" der Tora wieder auf uns zu nehmen, als ob sie uns in diesem Augenblick wieder gegeben würde, so wie wir sie einst mit Blitz, Donner und Schofarton erhalten haben. Ebenso warten wir ungeduldig auf die endgültige Erlösung, bei der es uns vergönnt sein wird, den Schofarton des Maschiach zu hören. Es möge unser Schofarblasen hinauftönen und mit Wohlwollen von G"tt aufgenommen werden. "Ki Ata Schomea Kol Schofar – denn Du hörst den Ton des Schofars und neigst dem Terua-Ton Dein Ohr, und nichts gleicht Dir."

Die Malchujot, Sichronot und Schofarot sind alle nach einem bestimmten Schema angeordnet. Jede beginnt mit einem Bittgebet, dem Thema entsprechend. Es folgen 10 Verse: drei aus der Tora, drei aus den Psalmen, drei aus den Propheten und am Ende wieder ein Vers aus der Tora. Der dritte Teil enthält wieder eine Bitte, jeweils dem Thema entsprechend, und schliesst mit einem Segensspruch.

Zehn Aussprüche, zehn Gebote und zehn Lobesworte

Mit zehn Aussprüchen hat der Heilige, gelobt sei Er, Seine Welt geschaffen. So wurde Er König über die ganze Erde. Auch wir wollen G"ttes Königtum mit zehn Aussprüchen G"ttlicher Herrschaft verkünden.

Als die Zehn Gebote am Sinai gegeben wurden, hat G"tt Seinem Volk Jisrael und der ganzen Welt zusammenfassend die Tora offenbart. Er wurde damit zum Gesetzgeber und Richter für alle Geschöpfe auf Erden. Auch wir wollen am Tag des Gerichts vor Seinem Richterstuhl zehn Verse zitieren, die uns bei Ihm in Erinnerung bringen und Sein Urteil zu unseren Gunsten neigen.

König David, der Gesalbte G"ttes, beschloss sein Sefer Tehillim – das Buch der Psalmen – mit zehn Lobesworten. Das Buch lehrt den Menschen, den Sündern aller Generationen, wie man den Weg zu G"tt wieder finden kann, bis dann am Ende aller Zeiten die ganze Erde G"tt anerkennt und bis jede Seele Ihm Lob spendet, sowohl das Volk Jisrael als auch die Nationen der ganzen Erde. Auch wir wollen, wenn wir den Schofarton hören, zehn Verse zitieren, in denen vom Schofarton die Rede ist, damit wir erkennen, kundtun und uns bewusst werden, dass wahre Lehre nur von Ihm ausgeht, dass wir bis an das Ende aller Tage in den Wegen Seiner Tora wandeln und dass nur von Ihm allein Erlösung zuteil wird, uns und allen Völkern der Welt. "Wehaja Bajom Hahu … - es wird geschehen, an jenem Tag: gestossen wird in den grossen Schofar und da kommen die in dem Land Assyrien Verlorenen und die im Land Ägypten Verstossenen und werfen sich vor G"tt nieder auf dem Berg des Heiligtums in Jeruschalajim" (Jeschajahu 27, 13).

Der Prophet Jeschajahu gibt im Kapitel 33, Vers 22 einen Hinweis auf die drei Motive des Mussafgebetes: Malchujot, Sichronot und Schofarot. "Ki Haschem Schoftenu, Haschem Mechokekenu … - denn G"tt ist unser Richter, G"tt ist unser Gesetzgeber, G"tt ist unser König. Er wird uns erlösen." Der Prophet spricht von der Übergabe des Gesetzes. Zu diesem Zeitpunkt der Geschichte sind wir zum Volk geworden, G"tt ist unser Gesetzgeber und Richter. Der Prophet kehrt dann zu den Anfängen unserer Geschichte zurück, da G"tt zum König wurde. Er schliesst mit der messianischen Zukunftsvision und spricht von den Tagen, an denen G"tt die ganze Welt erlöst. Wir aber haben im Gebet eine andere Reihenfolge, wir beginnen mit Malchujot und dann folgen Sichronot und Schofarot.

Warum beginnen wir, nach Anordnungen unserer Weisen, mit Malchujot und fahren dann erst mit Sichronot und Schofarot fort? Weil wir Ihn zuallererst als König proklamieren, dann um Erbarmen flehen, damit Er unser gedenke. Wie wird Er dies tun? Indem Er den freiheitsverkündenden Schofar ertönen lässt, so wie es in Jeschajahu 27, 13 heisst: "Wehaja Bajom Hahu … - an jenem Tag wird in den grossen Schofar gestossen …" So sagt auch der Prophet Secharja: "WaHaschem Elokim Baschofar Jitka … - und G"tt der Herr wird in den Schofar blasen…." (9, 14).

Er denkt an alles, was in Vergessenheit gerät

Die Eigenschaft G"ttes, sich an alles zu erinnern, was in Vergessenheit gerät, wird von einem Zaddik – einem Gerechten – folgendermassen interpretiert:

G"tt erinnert sich an Dinge, die der Mensch vergisst, doch vergisst Er, woran sich der Mensch erinnert: Wie ist dies zu verstehen?

Wenn ein Mensch gesündigt hat, nicht mehr daran denkt und darum auch keine Teschuwa tut – nicht zu G"tt zurückkehrt – dann erinnert sich G"tt und fordert den Menschen zu Gericht.

Ist der Mensch sündhaft, ist sich aber immer dessen bewusst, so wie König David sagte: "Wechatati Negdi Tamid – und meine Sünde steht vor mir immerdar" (Tehillim 51, 5), dann erinnert sich G"tt nicht, denn das Geschehene ist nicht in Vergessenheit geraten.

Tut der Mensch eine Mizwa und erinnert sich fortwährend daran, ja, er rühmt sich sogar damit, dann denkt G"tt nicht daran, denn Er hasst Hochmut. Wenn aber ein Mensch eine Mizwa tut, sich aber nicht damit rühmt, dann erinnert sich der Heilige, gelobt sei Er, an die gute Tat, und gibt gerechten Lohn dafür.

Rosch Chodesch (Tischri) wird im Gebet nicht erwähnt

Rosch Haschana ist auch Rosch Chodesch, es ist der erste Tischri – und als der Tempel noch stand, wurde auch das vorgeschriebene Rosch Chodesch Opfer dargebracht. Trotzdem wird in der Gebetsordnung und in den Gebeten selbst nichts von Rosch Chodesch erwähnt, weder zu Schacharit – dem Morgengebet – noch zu Mussaf – dem zusätzlichen Gebet.

Man kann dies mit einem Gleichnis erklären: Wenn ein König in eine Stadt kommt, wird er von Fürsten und hohen Würdenträgern begleitet. Doch man jubelt nur dem König zu und erwähnt seinen hohen Begleiter nicht. So verhält es sich auch mit Rosch Haschana, der auch gleichzeitig Rosch Chodesch ist. Fällt Rosch Chodesch zusammen mit Rosch Haschana, so wird nicht "Uweroschei Chodscheichem …" gesagt (Taschbez – Teschuwot Schimon Ben Zemach – im Namen des Rabbi Meir von Rothenburg).

Zeit des Mussafgebetes – Zeit des Erbarmens

Wenn man am Rosch Haschana allein zuhause betet, soll man es nicht in den drei ersten Stunden des Tages tun, denn diese sind Stunden des Gerichtes, in denen G"ttes Zorn sich gegen Götzendiener wendet, die ihn zu dieser Zeit erzürnen.

"Wir lernen im Namen des Rabbi Meir: Wenn Könige ihre Kronen auf ihre Häupter setzen, und dies geschieht in der dritten Stunde des neuen Tages, wenn die Könige aufstehen, dann verbeugen sie sich vor der Sonne. Dies erzürnt G"tt.

Rabbi Jossef sagte: Es soll niemand in den drei ersten Morgenstunden Mussaf beten, am ersten Tag Rosch Haschana, wenn man nicht zusammen mit der Gemeinschaft betet, denn zu diesen Stunden hält G"tt strenges Gericht, die Bitten des Alleinbetenden könnten zurückgewiesen werden. Wenn dies so ist, sollten dann die in Gemeinschaft Betenden nicht auch diese Stunden meiden? In der Gemeinschaft sind die Verdienste der Mehrheit für die Fürbitte bei G"tt ausschlaggebend" " (Traktat Awoda Sara 4b).

Der Pijut – das poetische Gebet – Unetane Tokef

Man erzählt von Rabbi Amnon aus Mainz, der eine grosse Persönlichkeit seiner Generation war, folgende Geschichte:

Rabbi Amnon war ein reicher und schöner Mann und stammte aus einer berühmten und guten Familie. Der Bischof von Mainz und die Fürsten wollten ihn überreden, sich taufen zu lassen, doch er weigerte sich immer wieder, ihrer Bitte Folge zu leisten. Immer und immer wieder versuchte der Bischof, ihn zu überreden. Eines Tages, als Rabbi Amnon dem ewigen Drängen ausweichen wollte, sagte er: Gebt mir drei Tage Bedenkzeit, ich will mich beraten und darüber nachdenken. Er glaubte, den Dränger mit dieser Antwort abweisen zu können.

Kaum hatte er aber den Bischof verlassen, wurde er sich bewusst, ihm damit die Hoffnung einer Zusage gegeben zu haben. Wie konnte er auch nur den geringsten Ausdruck des Zweifels über seine Lippen bringen und somit den Eindruck erwecken, G"tt zu verleugnen? Als er nach Hause kam, wollte er weder essen noch trinken und wurde krank. Alle, die ihm nahestanden, kamen, um ihn zu trösten, doch er liess sich nicht trösten. Er sagte: Der Ausspruch meiner Lippen wird mich trauernd ins Grab bringen. Er weinte und nahm es sich sehr zu Herzen. Als der Bischof am dritten Tag nach ihm sandte, weigerte er sich mitzukommen. Der Bischof schickte hohe Würdenträger, um ihn zu holen, doch Rabbi Amnon bestand darauf, nicht mitzukommen. Da sagte der Bischof: Holet mir den Amnon mit Gewalt! So brachten sie ihn vor den Bischof. Dieser sprach zu ihm: Warum erschienst du nicht zur von dir festgesetzten Zeit, um mir meine Bitte zu erfüllen? Da sagte Rabbi Amnon: Ich habe mein eigenes Urteil gefällt. Die Zunge, die lügnerisch zu dir sprach, soll mir herausgeschnitten werden. Durch diese sich selbst auferlegte Strafe wollte Rabbi Amnon den Namen G"ttes heiligen, weil er Böses gesprochen hatte. Der Bischof aber sprach: Nicht deine Zunge werde ich abschneiden, denn sie hat gut gesprochen, aber deine Füsse werde ich dir abhacken lassen, denn sie kamen nicht zur Zeit, die du mir festgesetzt hattest. Auch den Rest deines Körpers werde ich züchtigen.

Dann liess der grausame Herrscher ihm Hände und Füsse abschneiden. Dies geschah unter unsäglichen Qualen. Willst du nun endlich unseren Glauben annehmen? fragte der Bischof. Entschlossen antwortete er: Nein. So brachte man Rabbi Amnon verstümmelt nach Hause.

Als das Rosch Haschana Fest sich näherte, bat Rabbi Amnon, man möge ihn in die Synagoge bringen, neben den Vorbeter. Als dieser mit der Keduscha begann, sagte Rabbi Amnon zu ihm: Halte doch eine Weile inne, damit ich den grossen Namen G"ttes heiligen kann. Und er sprach mit lauter Stimme: "Uwechen, Lecha Ta'ale Keduscha – zu Dir steige die Heiligung empor …" Dann fuhr er fort: "Unetane Tokef Keduschat Hajom – wir wollen die Grösse der Heiligkeit des Tages schildern." Und weiter: "Emet Ki Ata Hu Dajan Umochiach … - in Wahrheit, Du bist der Richter, der zurechtweist …". Als Rabbi Amnon das Gebet beendet hatte, da hauchte er seine reine Seele aus und sie stieg zu G"tt empor. Über ihn wird gesagt: "Ma Raw Tuwcha Ascher Zafanta … - wie gross ist Deine Güte, die Du für Deine Frommen aufbewahrt hast …" (Tehillim 31, 20).

Am dritten Tag, nachdem Rabbi Amnon in Reinheit in die höhere Welt eingegangen war, erschien er Rabbenu Klonimos, Sohn von Rabbenu Meschullam, in nächtlicher Vision, lehrte ihn diesen Pijut "Unetane Tokef" und befahl ihm, das Gebet in allen Gebieten der Diaspora zu verbreiten, damit es für ihn Zeugnis ablege und nicht in Vergessenheit gerate. Dies tat der Gaon Rabbenu Klonimos (Or Sarua, Hilchot Rosch Haschana).

Schlaf am Rosch Haschana

Man pflegt am Rosch Haschana während des Tages nicht zu schlafen. Man soll sich eine Zeit zum Torastudium festlegen oder in der Synagoge Tehillim – Psalmen – sagen. Auch wer müssig geht, ist wie ein Schlafender! Im Talmud Jeruschalmi heisst es: Wer am Rosch Haschana schläft, verschläft sein Glück (sein Schicksal).

Wem aber der Kopf schwer ist, und wer Mühe hat, das Minchagebet andächtig zu beten, weil er zu müde ist, kann nach Tagesmitte ein wenig schlafen.

Taschlich

Zu Mincha am Rosch Haschana betet man "Aschrei" und "Uwa Lezion Goel". Wenn Rosch Haschana auf Schabbat fällt, wird aus dem Wochenabschnitt vorgelesen. Dann folgt die Schemone Essre wie zu Schacharit. Nach der Wiederholung des Vorbeters wird "Awinu Malkenu" gesagt. Am Schabbat jedoch wird es nicht gesagt. Dies gilt auch für den Vortag des Schabbat, wenn der zweite Tag Rosch Haschana auf Freitag fällt.

Nach dem Minchagebet wird "Taschlich" verrichtet. Man geht an ein Gewässer, an den Strand des Meeres oder einen Fluss. Wenn diese nicht in der Stadt vorhanden sind, geht man an einen Brunnen, eine Quelle oder an ein Reservoir, in welchem sich Regenwasser befindet. Folgende Verse werden am Wasser rezitiert: "Mi Kel Kamocha …. – wer ist ein G"tt wie Du, Der die Sünde vergibt und die Missetat erlässt dem Rest Seines Erbteiles, Der Seinen Zorn nicht ewig behält, denn Er will Gnade. Er wird sich unserer wieder erbarmen, wird unsere Verfehlungen bezwingen. Werfen wirst Du all ihre Sünden in die Strudel des Meeres. Gib Wahrheit dem Jaakow und Liebe dem Awraham, so wie Du es schon seit Urzeiten unseren Väter zugeschworen hast" (Micha 7, 18-19).

Dem Gebet werden noch andere Verse hinzugefügt, die G"ttes Erbarmen für uns erwecken sollen, sowie auch Verse aus den Psalmen. Einige fügen noch ein anderes Gebet hinzu, dessen Autor Rabbi Chajim David Azulay, genannt "Chida" ist. Dabei schüttelt man dreimal Taschen und Rocksaum aus, um damit symbolisch auszudrücken, dass man bereit ist, sich seiner Sünden zu entledigen. Diese Sitte basiert auf dem Vers "Gam Chozni Na'arti … - auch meinen Rocksaum schüttelte ich aus und ich sprach, so schüttle auch G"tt aus …" (Nechemia 5, 13).

"Taschlich" soll auch an "Sechut Awot – an das Verdienst der Väter" – erinnern. Als unser Stammvater Awraham ging, um Jizchak auf dem Altar zu binden (dies geschah am Rosch Haschana), verwandelte sich Satan, der Hinderer, in einen reissenden Fluss, und als Awraham und Jizchak ihn überqueren wollten, stand ihnen das Wasser bis zum Hals. Da sprach Awraham zum Heiligen, gelobt sei Er: Herr der Welt, ich bin nahe am Ertrinken. Wenn ich oder mein Sohn Jizchak umkomme, wer wird dann Deinen heiligen Namen in dieser Welt verkünden? Sofort rügte der Heilige, gelobt sei Er, den Fluss, und die beiden wurden gerettet (Jalkut Wajera 99).

Darum gehen wir am Rosch Haschana an ein Gewässer, um in Erinnerung zu bringen, dass unsere Väter ihr Leben einsetzten, um Seine Mizwot zu erfüllen. Wenn der erste Tag Rosch Haschana auf Schabbes fällt, macht man am zweiten Tag nach dem Minchagebet "Taschlich".

Der zweite Tag Rosch Haschana

Alle Anordnungen für den zweiten Tag Rosch Haschana, alle Mizwot und Gebete sind wie am ersten Tag zu beachten. Ausnahme bilden die Toravorlesung und die Haftara, wie schon vorher erwähnt.

Für den Kiddusch des zweiten Abends pflegt man eine neue Frucht auf den Tisch zu stellen, oder ein neues Kleidungsstück anzuziehen, damit man den Segensspruch "Schehechejanu" sagen kann. Wenn man dann beim Kiddusch diese Beracha sagt, richtet man seine Gedanken auf die Frucht oder das Kleid und hat somit gleichzeitig auch "Keduschat Hajom – die Heiligkeit des Tages" – gewürdigt. Es besteht nämlich ein Zweifel, ob man am zweiten Abend "Schehechejanu" sagen muss. Auch beim Lichterzünden am zweiten Abend sagt die Frau Schehechejanu, richtet aber dabei ihre Gedanken auf die neue Frucht oder auf das neue Kleid. Aber auch wenn man keine neue Frucht vorbereitet hat oder ein neues Kleidungsstück, soll man sowohl beim Lichterzünden am zweiten Abend als auch zum Kiddusch "Schehechejanu° sagen. So haben es die meisten Dezisoren entschieden.

Eruw Tawschilin

Wenn der zweite Tag Rosch Haschana auf den Vorabend des Schabbat fällt, muss man am Vorabend des ersten Feiertages, d.h. am Mittwoch vor Beginn des Festes, "Eruw Tawschilin" machen. Durch diese Einrichtung ist es erlaubt, alles vorzubereiten, was für den Schabbat notwendig ist. Weshalb muss Eruw Tawschilin gemacht werden? Nach Anordnung unserer Weisen ist es verboten, am Feiertag für den Schabbat zu kochen. Es ist dies eine Vorsichtsmassregel, damit man nicht dazu kommt, an einem Feiertag für einen Wochentag Speisen zu kochen. Wenn man aber bereits am Vorabend des Feiertages eine Speise für Schabbat vorbereitet, ist es erlaubt, am Feiertag für den Schabbat zu kochen. Das Kochen am Jom Tow für Schabbat wird in diesem Fall dann so beurteilt, als ob man es bereits am Vorabend des Jom Tow begonnen hätte. Jetzt vollendet man nur seine Arbeit. Damit wird ein Zeichen gesetzt: Wenn man nicht vom Feiertag auf Schabbat kochen darf, dann erst recht nicht vom Feiertag auf einen Werktag. Daher die Bezeichnung Eruw, Mischung. Man "vermischt" das Kochen für Schabbat mit dem Kochen für Jom Tow, und beides wird dann als ein Kochen betrachtet.

"Eruw Tawschilin" besteht aus zwei vorbereiteten Gerichten: aus Gebackenem und Gekochtem. Noch vor Beginn des Feiertages nimmt man eine Challa - ein Weissbrot – (Berches) oder zwei Mazzot, (damit es das Mass von einem Ei – Keweiza – hat) und legt dazu mindestens ein "Kesajit – das Mass einer Olive – einer gekochten Speise dazu. Man kann dazu Fleisch, Fisch oder ein gekochtes Ei nehmen. Dies wird für Schabbat weggelegt. Bei der Aufbewahrung der Speisen spricht man den Segensspruch: " ….. Ascher Kideschanu Bemizwotaw Weziwanu Al Mizwat Eruw … - Der uns geheiligt durch Seine Gebote und uns das Gebot des Eruw befohlen". Obwohl dieses Gebot nur eine Anordnung der Weisen ist, sagen wir: "Weziwanu – Der uns befohlen hat", denn der Heilige, gelobt sei Er, hat uns in Seiner Lehre befohlen, die Anordnungen der Weisen zu befolgen, so wie es heisst: "Lo Tassur Min Hadawar – weiche nicht ab von allem, was sie (die Weisen) dich lehren" (Dewarim 17, 11). Dieser Grundsatz gilt für alle Mizwot, die unsere Weisen angeordnet haben.

Nach der Beracha spricht man folgendes: "Mit diesem Eruw sei es uns erlaubt, zu kochen, warmzuhalten und Licht anzuzünden – dies selbstverständlich durch Übertragen von einer schon brennenden Flamme – und es sei uns auch erlaubt, vom Jom Tow auf Schabbat das Nötige zu verrichten." Die vorbereiteten Speisen müssen bis zum Beginn des Schabbat aufbewahrt werden.

Es ist Sitte, die Challa oder die Mazzot als "Lechem Mischne – als doppeltes Brot" für die Schabbatmahlzeit zu benutzen, denn hat man mit ihnen schon eine Mizwa (von Eruw Tawschilin) erfüllt, so soll man auch eine andere damit erfüllen.

Man darf seinen Nachbarn, oder wer auch immer daran Interesse hat, an diesem Eruw teilnehmen lassen. Wenn diese Person es nämlich vergessen hat, selbst den "Eruw" vorzubereiten, so darf sie sich auf den "Eruw" des Nachbarn stützen. Hat aber jemand keinen "Eruw" gemacht, weil er vorhatte, bei Freunden zu speisen und es sich dann aber anders überlegt, darf er bei sich zuhause nichts für Schabbat vorbereiten. In dieser Situation gilt der "Eruw" des anderen nicht für ihn.

Wie kann man andere an seinem "Eruw" teilhaben lassen? Man gibt die vorbereiteten Speisen in die Hand eines erwachsenen Familienmitglieds, oder sogar auch in die Hand eines Kindes, wenn dieses nicht Mitglied des gleichen Haushalts ist, und sagt ihm: Erwirb diesen "Eruw" für alle Bewohner dieser Stadt. Dann sagt man: "Mit diesem Eruw sei es erlaubt …", und vollendet: "für uns und für alle, die in dieser Stadt wohnen." Man soll den Eruw für die ganze Stadt und alle innerhalb des Techum-Gebietes – 2000 Ellen nach allen Richtungen um die Stadt – lebenden Bewohner machen.

Die zehn Busstage

Zom Gedalja

Der 3. Tischri, Ausgang von Rosch Haschana, ist ein Fasttag: Zom Gedalja. Der Prophet Secharja nennt diesen Tag: "Zom Haschwi'i – Fasttag des siebten Monats", denn Tischri ist – wenn man mit Nissan zu zählen beginnt – der siebte Monat.

Wenn Rosch Haschana auf Donnerstag und Freitag fällt, wird der Fasttag auf Sonntag verschoben, denn ausser Jom Kippur kann kein Fasttag am Schabbat stattfinden.

Man beginnt den Fasttag bei Tagesanbruch und beendet ihn beim Erscheinen der Sterne. Der Vorbeter sagt beim Morgengebet "Aneinu" und man liest aus der Tora den Abschnitt, der die dreizehn Eigenschaften G"ttes enthält, und "Wajechal" (Schemot 32, 11-14 und 34, 1-10).

Dieser Fasttag wurde von unseren Weisen festgesetzt in Erinnerung an den Mord an Gedalja Ben Achikam, den Jischmael Ben Netanja auf Geheiss des Königs von Ammon begangen hatte. Mit dem Mord Gedaljas erlosch die letzte "glimmernde Kohle" Jisraels, die letzten Reste judäischer Autonomie waren nun, nach der Zerstörung des Ersten Tempels, dem Untergang geweiht. Die letzten Bewohner Judäas mussten ins Exil gehen und viele Tausende des Volkes wurden erschlagen.

Als der babylonische König Newuchadnezar den Tempel zerstört hatte und das Volk nach Babylonien verbannte, blieben im Heiligen Land nur noch die Ärmsten des Volkes. Der König setzte Gedaljahu, Sohn des Achikam, als Statthalter ein. Als die Juden, die in Moaw, Ammon, Edom und anderen Ländern wohnten, hörten, dass Gedalja Ben Achikam über sie zum Statthalter ernannt worden war, kehrten sie in das Land Judäa zurück und bauten die Weinberge an, die ihnen der babylonische König gegeben hatte. Sie fühlten eine gewisse Erleichterung. Doch der König von Ammon, von Neid und Hass gegen den judäischen "Rest" erfüllt, entsandte Jischmael Ben Netanja, um Gedalja zu ermorden. Im siebten Monat, im Tischri, kam Jischmael zu Gedalja nach Mizpe. Gedalja war unterrichtet von Jischmaels Mordplan, doch glaubte er nicht daran, weil er sich weigerte, Laschon Hara – üble Nachrede – anzuhören. Er empfing ihn in aller Ehre, jedoch Jischmael erschlug Gedalja und die meisten Juden, die sich dort befanden, sowie auch eine Anzahl Babylonier, die der König von Babylonien mit Gedalja geschickt hatte. Die noch übriggebliebenen Juden im Land fürchteten, der König von Babylonien könne sich rächen, und flohen nach Ägypten. So wurden die letzten jüdischen Bewohner des Landes zerstreut, und das Land blieb verlassen und öde.

Zum Andenken an diese Leidenszeit setzten unsere Weisen den "Fasttag des siebten" fest, an dem Tag, an welchem Gedalja ermordet wurde.

Man sagt, Gedalja sei am ersten Tischri ermordet worden, doch da man an einem Feiertag nicht fastet, wurde der Fasttag bis zum Ausgang von Rosch Haschana verschoben.

Bezugnehmend auf diesen Fasttag sagten unsere Weisen: "Dies soll dich lehren, dass der Tod eines Zaddik – eines Gerechten – genauso schlimm ist wie der Brand unseres Heiligen Tempels. Genau wie man für die Zerstörung des Heiligtums einen Fasttag festgelegt hat, so soll auch der Todestag Gedaljas als Fasttag festgehalten werden.

Bein Kesse Leassor – zwischen Rosch Haschana und Jom Kippur

Die sieben Tage zwischen Rosch Haschana und Jom Kippur werden "Busstage" genannt, oder "Die zehn Busstage", obwohl es nur sieben Tage sind. Denn zusammen mit Rosch Haschana (2 Tage) und Jom Kippur bilden sie eine Einheit, die für den Menschen Tage der Rückkehr sind. Diese zehn Tage werden auch "Bein Kesse Leassor" genannt – zwischen dem ersten und dem zehnten Tischri. Denn so heisst es: "Tik'u Wachodesch Schofar Bakesse Lejom Chagenu … - Blaset am Neumond ins Schofar, am Tag der Mondverhüllung für den Tag unseres Festes …. " (Tehillim 81, 4), also zwischen Rosch Haschana, der "Kesse" und Jom Kippur, der "Assor – der Zehnte" – genannt wird. So wie es heisst: "Ach Beassor Lachodesch Haschewi'i … - nur am zehnten dieses siebten Monats ist der Tag der Sühnungen …" (Wajikra 23, 27).

Diese Namen erinnern den Menschen an das Wesen dieser Tage, sie erinnern ihn, dass er in diesen Tagen unter G"ttlichem Gericht steht, zwischen Rosch Haschana, an dem sein Urteil niedergeschrieben, und Jom Kippur, an dem es besiegelt wird. Darum soll sich der Mensch in diesen Tagen vollkommen auf die Pflicht der Rückkehr und die Furcht vor dem G"ttlichen Urteil konzentrieren.

Asseret Jemei Teschuwa – die zehn Tage der Rückkehr

G"tt liebt Sein Volk, und in Seiner Güte will Er nicht, dass der sündige Mensch sterbe. Er will, dass der Mensch von seinem irrigen Weg zurückkehre, damit er am Leben bleibe. Er will dem Menschen Gutes angedeihen lassen, darum wartet Er auf die Rückkehr der Sünder. In Seinem grossen Erbarmen gab Er uns die Möglichkeit dazu. Er setzte besondere Tage fest, an denen Er Sich uns nähert, um unsere Rückkehr anzunehmen, so wie es heisst: "Dirschu Haschem Behimaz'o … - suchet G"tt, da Er sich finden lässt, rufet Ihn an, da Er nahe ist" (Jeschajahu 55, 6).

Unsere Weisen sagen: "Wir lernen und sind uns bewusst, dass G"tt manchmal zu finden ist, manchmal aber nicht. Manchmal ist Er uns nahe, manchmal aber nicht. Wann aber kann man Ihn finden? In den zehn Tagen zwischen Rosch Haschana und Jom Kippur."

Darum sind gerade diese Tage zwischen Rosch Haschana und Jom Kippur besonders geeignet, obwohl die Rückkehr zu G"tt eigentlich jederzeit möglich ist. In diesen Tagen pflegt man besondere Gebete zu verrichten. In den frühen Morgenstunden sagt man Selichot – Bittgebete – und man bemüht sich in diesen Tagen, die Mizwot mit besonderer Sorgfalt auszuüben.

In diesen Tagen der Furcht vor dem G"ttlichen Gericht ist man darauf bedacht, nicht unnötig Eid abzulegen, wenn man im Prozess mit einem Mitmenschen steht. Der Gerichtshof legt auch keinen Bann auf einen Menschen, der ihn eigentlich verdient hätte. Man gibt ihm hiermit die Möglichkeit, bis zu Jom Kippur zurückzukehren. Es ist auch Brauch, während dieser Tage keine Hochzeiten festzulegen.

Während dieser zehn Tage, vom Abendgebet des Rosch Haschana Feiertages bis zum Schlussgebet von Jom Kippur, sagt man im Kaddischgebet "Le'ela Ule'ela" statt nur "Le'ela", wie während des ganzen Jahres üblich. Ebenso wie man hier ein Wort hinzufügt, so wird an anderer Stelle eines weggelassen, und man sagt "Mikol Birkata" statt "Min Kol Birkata" wie sonst üblich.

Im Talmud Jeruschalmi "Schabbat", Abschnitt 1, heisst es "Rabbi Chija, der Grosse, befahl Raw: Ist es dir möglich, während des ganzen Jahres in Reinheit zu essen, dann tue dies, wenn aber nicht, so tue dies wenigstens während sieben Tagen im Jahr."

Awi Ha'esri schreibt: Mir wurde überliefert, dass dies die sieben Tage zwischen Rosch Haschana und Jom Kippur sind.

Der "Rosch" – Rabbenu Ascher – schreibt: Es ist daher Sitte in den aschkenasischen Gemeinden, dass sogar diejenigen, die sonst nicht genau auf "Pat Schel Gojim" – Brot, das von nichtjüdischen Bäckern gebacken wird – achten, in den zehn Busstagen jedoch nur von jüdischen Bäckern oder von beaufsichtigtem Brot geniessen (Awudraham).

Gebete für die zehn Tage der Rückkehr

Die Gebetsordnung für die zehn Tage der Rückkehr ist die gleiche wie immer. In der "Schemone Essre" jedoch fügt man "Sochrenu Lechaim" und "Umi Chamocha" in den beiden ersten Berachot und in den beiden letzten Brachot "Uchetow" und "Besefer" hinzu. Hat man vergessen, diese Einschaltungen zu sagen, und bereits die jeweilige Beracha vollendet, so muss man das Gebet nicht wiederholen. Auch wenn man "Sochrenu" am Rosch Haschana und Jom Kippur vergessen hat, ist eine Wiederholung nicht nötig.

In der Beracha "Ata Kadosch" sagt man "Hamelech Hakadosch". Hat man dies vergessen, muss man die Schemone Essre von neuem beginnen. Bei der Beracha "Haschiwa Schofteinu" endet man mit "Hamelech Hamischpat" anstatt "Melech Ohew Zedaka Umischpat". Hat man dies vergessen, ist keine Wiederholung notwendig, da ja "Mischpat – Gericht" in der Beracha erwähnt wurde. Nach der Wiederholung des Vorbeters wird "Awinu Malkenu" gesagt, sowohl im Schacharit – als auch im Minchagebet, ausser Schabbat und am Erew Schabbat im Minchagebet.

Man sagt auch den Mismor LeDawid, Haschem Ori Wejischi" sowohl im Abend- als auch im Morgengebet, manche sagen ihn zu Mincha und nicht im Abendgebet. Man sagt diesen Psalm von Anfang Elul an bis zu Schemini Azeret, Ende der Zeit des G"ttlichen Gerichts.

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Schemini Azeret und Simchat Tora

Aus Sefer Hatoda’a / Das Jüdische Jahr. Bearbeitet und ergänzt von S. Weinmann

Schemini Azeret

Schemini Azeret ist ein Fest für sich, an das Sukkotfest angeschlossen, aber unabhängig von ihm. Darum wird auch der Segensspruch "Schehechejanu" gesagt. Die Frau spricht ihn beim Lichterzünden, nach dem Segensspruch "Lehadlik Ner Schel Jom Tow", und der Mann beim Kiddusch nach dem Abendgebet.

Der Ursprung des Namens "Schemini Azeret" befindet sich in der Tora. "Bajom Haschemini Azeret Tihje lachem… am achten Tag soll euch ein Fest des Zurückhaltens sein …" (Bamidbar 29, 35). Raschi erklärt hierzu drei Erklärungen: 1. Sich zurückhalten in der Arbeit (keine Arbeit verrichten wegen des Feiertages). 2. Sich zurückhalten Jeruschalajim zu verlassen (eine Nacht muss noch dort nach Festende übernachtet werden) 3. Der aggadische Midrasch sagt "Zurückhalten" – dies ist ein Ausdruck der Liebe, es ist dies wie das Abschiednehmen eines Sohnes von seinem Vater. Der Vater sagt: "Der Abschied fällt mir schwer, verweile bitte noch einen Tag bei mir (den Feiertag Schemini Azeret, nach Abschluss von Sukkot)."

Eine andere Erklärung sagt: "Warum verweilt man noch einen Tag?" Raw bringt hierzu ein Gleichnis: Ein König veranstaltet ein Fest. Da kommen seine Diener, die Angestellten seines Hauses, und bezeugen ihm Ehrerbietung. Da sagt eine Adelige zu ihnen: Nützt doch diese Festesstimmung aus. Leget doch eurem König all eure Bitten vor! So will auch die Tora damit Jisrael einen Hinweis geben: Bringet doch jetzt eure Anliegen vor. (Das jüdische Volk hatte während des Sukkot-Festes – durch das Darbringen der siebzig Stiere – soeben die Bitte ausgesprochen, den siebzig nichtjüdischen Nationen der Erde ein gutes Leben und Freude zuteilwerden zu lassen, für sich selbst hatten sie nichts verlangt.) Darum wurde dieser Tag des "Zurückbleibens" für das jüdische Volk hinzugefügt, um ihnen die Gelegenheit des Vorbringens ihrer Anliegen zu geben. Dies ist der achte Tag. Es heisst doch "lachem" – für euch (Jalkut Pinchas 782).

Rabbi Levi sagt: Während allen Sommermonaten wollte G"tt Jisrael Feste geben. Im Nissan gab Er ihnen Pessach, im Ijar gab Er ihnen "Pessach Katan", im Siwan gab Er ihnen Schawuot. Er wollte ihnen im Tamus ein grosses Fest geben, doch da fertigten sie das Goldene Kalb an und die Auswirkungen sind bekannt. Darum konnte Er ihnen im Tamus, Aw und Elul keine Feste geben. Doch im Tischri machte Er alles wieder gut: Rosch Haschana, Jom Kippur und Sukkot. Da sagte der Heilige, gelobt sei Er: Für die drei Monate habe Ich ihnen im Tischri einen Ersatz gegeben, soll er nun nicht auch ein eigenes Fest haben? So gab Er ihm den Schemini Azeret. "Bajom Haschemini Azeret Tihje Lachem" (Pesikta Deraw Kahana, Buber).

Die Vorschriften für diesen Tag sind die gleichen wie für die anderen Feiertage.

Ein besonderes Opfer

Obwohl Schemini Azeret ein selbständiger Feiertag ist, genau wie Pessach, Schawuot und Sukkot, ist die Darbringung des Mussafopfers nicht die gleiche. [Siehe Bamidbar 28:16-29:38] Am Pessach brachte man als zusätzliches Opfer (Mussaf): Zwei Stiere, einen Widder, sieben Lämmer und einen Ziegenbock. Das gleiche galt für Schawuot. Am Sukkot brachte man siebzig Stiere während den sieben Festtagen dar, ausser den zwei Widdern, vierzehn Lämmer und einen Ziegenbock an jedem der sieben Festtage. Wir sehen also, dass es am Sukkot mehr Opfer gab als an den übrigen Festtagen. Doch es gibt keinen Feiertag, an dem man nur einen Stier zu Mussaf darbrachte, ausser am Schemini Azeret.

Hierzu bemerken unsere Weisen in Midrasch Rabba 21: "Ein König bereitete ein grosses Fest während sieben Tagen und lud dazu alle Leute seines Volkes zum Festessen ein. Als die sieben Tage zu Ende waren und alle wieder gegangen waren, sagte er zu seinem Freund: Wollen wir doch nun alleine feiern. Nehmen wir doch, was vom grossen Festessen übriggeblieben ist, ein Pfund Fleisch, ein Pfund Fisch oder ein wenig Gemüse. So sagt auch der Heilige, gelobt sei Er, zu Jisrael: Nehmt nun doch von dem, was noch zu finden ist (nach so vielen Opfern), einen Stier und einen Widder."

Darum gleich das Opfer von Schemini Azeret nicht den übrigen Opfern der Wallfahrtsfeste. Es gleicht jedoch den Mussafopfer von Rosch Haschana und Jom Kippur, denn auch dort heisst es ibid.]: Ein Stier, ein Widder und sieben Lämmer.

Dies ist ein Hinweis für das, was unsere Weisen uns in Bezug auf diesen Tag lehren. Dieses Fest ist auch ein Fest der Sühne und der Vergebung und der Besiegelung des Schicksals unseres Volkes im Hinblick auf das kommende Jahr.

Wichtig ist das Gebet vor Toresschluss

Im heiligen Sohar und in den Midraschim steht geschrieben, dass die endgültige Besiegelung des Schicksals am frühen Morgen des Schemini Azeret stattfindet. Im Midrasch finden wir auch, dass Mosche Rabbenu vor seinem Tod 515 Gebete an G"tt richtete, damit Er ihm doch gestatte, ins Heilige Land zu kommen. Das Wort "Wa'etchanan – und ich (Mosche) flehte" [Dewarim 3:23] hat den Zahlenwert von 515. Mehr Gebete richtete er dann nicht mehr an G"tt, denn Er sprach zu ihm: " … Raw Lach … Genug, sprich zu Mir nicht mehr von dieser Sache" [ibid. 3:26]. Hätte Mosche nämlich noch ein Gebet hinzugefügt, hätte G"tt seine Bitte billigen "müssen". Doch Mosche nahm das Verhängnis G-ttes über ihn an und betete nicht weiter. Auch sagen unsere Weisen im Talmud [Berachot 32b], dass die Gerechten mit ihren Gebeten eine Stunde innehalten. Wir können nun diese alle Midraschim verbinden:

Wann hatte Mosche all diese Gebete zu G"tt gerichtet? Es war dies im letzten Jahr der Wüstenwanderung, im vierzigsten Jahr. Wann hatte er mit den Gebeten begonnen? Am Rosch Haschana dieses Jahres, da G"tt dann hartes Urteil spricht, oder Gnade walten lässt. Wieviele Stunden sind es von Rosch Haschana bis zum Morgen von Schemini Azeret? Genau 516 Stunden. Multipliziert man 21, die Tage von Rosch Haschana bis Schemini Azeret, mit 24, ergibt dies 504. Rechnet man noch die 12 Stunden der Nacht von Schemini Azeret hinzu, sind es genau 516 Stunden. Während all dieser Stunden betete Mosche, in jeder Stunde ein Gebet. Doch in der letzten Stunde, vor der endgültigen Besiegelung, hielt er sich zurück. Hätte er sein Flehen noch eine Stunde (um ein zusätzliches Mal) weitergeführt, wäre es für den Heiligen, gelobt sei Er, schwer gewesen, das Gebet des Zaddiks zurückzuweisen … (im Namen des Rabbi von Ostrowza).

Das Gebet für Regen

"Während des Sukkotfestes wird über das Wasser Urteil gesprochen." [Traktat Rosch Haschana 16a] Darum sollte man eigentlich schon am ersten Tag Sukkot für den Regen beten, sowie man auch am ersten Tag Pessach um Tau bittet. Am Pessach wird nämlich über das Getreide Gericht gehalten, und der Tau ist nötig, um eine gute Ernte zu bewirken. Um Regen bittet man aber erst von Schemini Azeret an. Während der Sukkot-Festtage deutet man nur leise an, G"tt möge den Regen zur rechten Zeit geben: Mit den Arba Minim (vier Arten), die am Wasser wachsen, mit dem Wassergiessen auf dem Altar und mit den Murbiot schel Arawa (Bachweidenzweigen), mit denen man den Altar umkreist. Im Gebet aber wird der Regen nicht ausdrücklich erwähnt. Warum?

Unsere Weisen sagten: Der Tau, um den man am Pessach bittet, ist immer ein Zeichen des Segens für die Welt, und man bittet darum, er möge auch in der Festzeit fallen. Der Regen aber, so betet man, möge zur rechten Zeit fallen, und nicht während der Sukkottage. Wenn Regen am Sukkot fällt, so ist dies ein Zeichen des Fluches, denn wie könnte man die Mizwa von [Wajikra 23:42] "BaSukkot tejschwu… - wohnet in der Sukka" erfüllen. Wenn es am Sukkot regnet, würde dies bedeuten, dass G"tt diese Mizwa nicht wohlwollend aufnimmt, als wollte Er damit sagen: Ich bedarf nicht eures Dienstes. Und so sagen unsere Weisen in Sukka 28b: "Womit wäre dies zu vergleichen? Mit einem Diener, der seinem Herrn Wein einschenken möchte, und dieser schüttet den Inhalt des Kruges dem Diener ins Gesicht."

Weil der Regen am Feiertag kein Zeichen des Segens ist, erwähnt man ihn erst am Schemini Azeret im Gebet. Wenn nun Jisrael die Sukka verlässt und wieder in die Häuser zurückkehrt, wenn sie am nächsten Morgen in die Synagogen gehen, richten sie zu Mussaf ein Gebet an den Heiligen, gelobt sei Er, und bitten Ihn, Er möge doch Seine "Schatzkammer" – den Himmel – öffnen, damit alles, was auf dem Boden wächst, gedeihe und spriesse, und somit der Ertrag der Erde segensreich sei.

Obwohl dieses Gebet für den Regen am Schemini Azeret gesagt wird, bittet man noch nicht darum, dass G"tt ihn sofort fallen lassen möge. Man erwähnt ihn nur, um G"ttes Lob zum Ausdruck zu bringen, und fügt ihn im Abschnitt "Ata Gibor" (2. Beracha der Schemone Esre) hinzu und sagt: "Maschiw Haruach umorid Hageschem - Der den Wind wehen lässt und den Regen sendet". Jedoch in der Beracha "Baruch Alejnu", den man am Ausgang des Festes betet, bittet man noch nicht um Regen, sondern sagt wie gewöhnlich: "Weten Beracha – und gib Segen". Die Einschaltung "weten Tal Umatar - gebe bitte Tau und Regen" wird erst ab dem 7. Cheschwan eingefügt, damit die Pilger, die zu den Wallfahrtsfesten nach Jeruschalajim gekommen waren, noch vor den ersten Regengüssen heimkehren konnten.

Gewurot Geschamim – die Kraft des Regens

Die zweite Beracha der "Amida" – der Schemone Essre – in der von der Wiederauferstehung der Toten die Rede ist, wird "Gewurot" genannt, weil darin G"ttes Lob zum Ausdruck gebracht wird über Seine Machttaten, die Er der Welt zuteilwerden lässt: Er versorgt alle Lebenden, Er lässt die Toten wiederauferstehen, Er stützt die Fallenden, heilt die Kranken und befreit die Gefangenen. Auch der Regen, den G"tt zur rechten Zeit sendet, gehört zu diesen Machttaten.

Und noch mehr: Die Bitte um Regen wird noch vor allen anderen "Gewurot" eingeschaltet, denn der Regen, den G"tt sendet, ist die wichtigste aller Machttaten. Vom Regen hängt das Gedeihen des Bodenertrags ab, er schenkt damit allen Bewohnern der Erde das Leben. Pflanzen und Bäume, die zu vertrocknen drohen, werden durch den Regen wieder belebt, neues Leben erwacht überall, die Fallenden werden wieder aufrecht stehen, den Kranken wird Heilung zuteil. Wenn alles wieder frisch wird, so ist dies gleichsam "Belebung der Toten", denn die Samen, die in der Erde "begraben" sind, spriessen, wachsen und gedeihen durch die Regenfälle.

Regeln, die die Einschaltung von "Maschiw Haruach" betreffen

Während des Mussafgebetes am Schemini Azeret beginnt man "Maschiw Haruach umorid Hageschem" zu sagen. In den Gemeinden, in denen bei der Wiederholung des Mussafgebetes "Tefillat Geschem" gebetet wird, pflegt der Vorbeter vor Beginn des leisen Gebets "Maschiw Haruach" auszurufen. Wenn nicht, beginnt man mit der Einschaltung von "Maschiw Haruach" erst beim Minchagebet. Ein Kranker, der zu Hause für sich betet, oder Dorfbewohner, die nicht im "Minjan" – einer Gemeinschaft von zehn Männern über 13 Jahren – beten können, warten mit dem Mussafgebet, bis sie sicher sind, dass die Gemeinden in der Stadt es schon gebetet haben, und fügen erst dann in ihrem Gebet "Maschiw Haruach" hinzu.

Diese Einschaltung wird von nun an tagtäglich gesprochen, bis zum Mussafgebet des ersten Pessachtages.

Nach Minhag Aschkenas:

Hat man aus Versehen die Einschaltung an der erwähnten Stelle nicht gesagt, erinnert man sich aber noch vor der abschliessenden Beracha "Mechaje Hametim" daran, so kann man noch "Maschiw Haruach" da einfügen und dann die Beracha sagen. Erinnert man sich aber erst später daran, hat aber "Ata Kadosch" noch nicht begonnen, kann man es noch dort hinzufügen. Wenn man sich aber erst danach erinnert, so muss man mit der ganzen "Tefilat Amida" noch einmal beginnen.

Wenn man schon die ganze " Tefilat Amida" gesprochen hat und nicht sicher ist, "Maschiw Haruach" gesagt zu haben, gilt folgende Regel: Sind mehr als dreissig Tage seit Schemini Azeret vergangen, ist anzunehmen, dass man es gesagt hat. Innerhalb der dreissig Tage aber ist anzunehmen, dass es vergessen wurde und muss die Amida nochmals wiederholen.

Nach Minhag Sefard:

Wer aber während des Sommers "Morid Hatal" zu sagen pflegt und dies aus Versehen auch im Winter gesagt und den Segensspruch schon beendet hat, wiederholt die Tefilla nicht, weil er Tal erwähnt hat.

Wer am 1.Tag Pessach zu Maariw, Schacharit oder Mussaf schon "Morid Hatal" gesagt hat, obschon zum Gebet noch immer "Maschiw Haruch umorid Hageschem" gehört, wiederholt die Tefilla nicht, da an diesem Tag Tal in der Wiederholung von Mussaf und im Minchagebet erwähnt wird.

Simchat Tora

Simchat Tora und Schemini Azeret fallen auf den gleichen Tag. In der Diaspora – ausserhalb von Erez Jisrael – aber werden sie an zwei Tagen, wie die anderen Festtage, gefeiert. Am ersten Tag wird beim Gebet das Hauptgewicht auf die Festtagsfreude und das Gebet für Regen gelegt. Der zweite Tag wird hauptsächlich der Freude an der Tora gewidmet. In Erez Jisrael aber, wo es keinen zweiten Festtag gibt, so wie alle Feste nur einen Tag lang gefeiert werden, steht die Freude mit der Tora an erster Stelle, gemeinsam mit den Anordnungen, die Schemini Azeret betreffen.

Schemini Azeret steht in engem Zusammenhang mit Sukkot, genauso wie Azeret – das Schawuotfest – mit Pessach verbunden ist.

Am Pessach erhielt das jüdische Volk die Freiheit. Es hatte die Zeichen und Wundertaten G"ttes gesehen und alle eindrucksvollen Geschehnisse, die der Heilige, gelobt sei Er, an den Ägyptern und an Pharao verübt hatte. Da glaubte es an G"tt und Seinen Diener Mosche. Danach wartete es fünfzig Tage, bis die Ehrfurcht vor G"tt fest in sein Bewusstsein eingedrungen war, und, begleitet von Donner und Blitz, schloss es den Bund der Tora mit dem Schöpfer der Welt. Dies geschah in eindrucksvoller Weise, damit es G-tt im Herzen bewahre und sich vor Sünden hüte.

Am Sukkotfest erreicht das jüdische Volk Freiheit der Seele, Befreiung vom Jezer Hara – dem bösen Trieb, denn es wurde durch Jom Kippur von seinen Sünden befreit und geläutert. So wendet es sich G"tt zu, tritt freudig und voller Liebe in die Hütten unter die Fittiche Seiner Treue. Da nun die Liebe zu G"tt und die Freude mit Ihm neu erwacht ist, widmet es sich wieder der Tora, erneuert diesen Bund mit der Tora in Liebe und Freude, welche es weiterhin während des ganzen Jahres, zu jeder Zeit, weiterträgt. Dieser Bund, den es nun schliesst, ist weder von Donner und Blitz noch von Zittern und Beben begleitet. Er wird in Freude, mit Gesang und Tanz gefeiert.

Darum ist es Brauch, dass man am Schemini Azeret der Freude mit der Tora Ausdruck verleiht, an dem Fest, das sich dem Sukkoktfest anschliesst. Schemini Azeret ist wie Azeret – das Schawuotfest. So wie am Schawuot der Bund mit der Tora zelebriert wird, so ist Schemini Azeret auch ein Feiern des Bundes mit der Tora. Beim ersten Azeret handelt es sich um körperliche Freiheit, eine Freiheit, die durch Furcht und Ehrfurcht zustande kam. Das zweite Azeret – Schemini Azeret – wird durch Freiheit der Seele und mit Freude und Liebe gefeiert. G"ttesfurcht ist nie vollkommen, wenn sie nicht auch mit Liebe verbunden ist, aber auch Liebe ist erst vollkommen in Verbindung mit Furcht, Das eine ergänzt das andere. So heisst es: "Wegilu biRe’ada … und freuet euch in Beben" (Tehillim 2, 11). Wo Freude ist, muss es auch Zittern geben.

"Eigentlich sollte dieses Azeret – Schemini Azeret – erst fünfzig Tage nach Sukkot gefeiert werden, so wie Azeret – Schawuot – fünfzig Tage nach Pessach fällt. Doch der Heilige, gelobt sei Er, sagte: Es ist Winterzeit, sie können ihr Haus nicht verlassen, um hierher zu kommen. Nun, da sie sich schon hier vor Mir befinden, sollen sie jetzt Azeret feiern (Tanchuma Pinchas 15).

Durch die zeitliche Nähe der beiden Feste erleiden die Menschen keinen Verlust. Hätte man aber das erste Azeret – Schawuot – gleich an Pessach angeschlossen, wäre der Bund nicht gelungen, denn die Furcht war noch nicht fest in ihren Herzen verankert. Bei Sukkot verhält es sich anders. Der Bund, den sie nun mit der Tora schliessen, wird in Liebe geschlossen. Nach der Rückkehr zu G"tt in den Jamim Nora'im – den Hohen Feiertagen – ist die Liebe zu G"tt gefestigt worden. Grösser als die Kraft der Zaddikim ist die Kraft der Ba’alej Teschuwa – der Rückkehrer zu G"tt. Was Zaddikim in sieben Wochen vollbringen, erreichen die Ba’alej Teschuwa in sieben Tagen. Am Sukkotfest wird das ganze Volk Jisrael als Baalej Teschuwa betrachtet, und treten so in aller Kraft an. Dazu verhelfen ihnen auch die Mizwot von Sukka und Lulaw.

Abschluss der Toravorlesung

Die Anordnung, jeden Schabbat aus der Tora vorzulesen, stammt von Mosche Rabbejnu. Nach Mosche waren es die Weisen in jeder Generation, die festlegten, welcher Abschnitt an diesem oder jenem Schabbat vorgelesen werden sollte, wann man mit der Vorlesung von Tora-Abschnitten zu beginnen hat, und wann man sie alle beendet. Verbreitet ist hauptsächlich der Minhag, die ganze Tora während eines vollen Jahres öffentlich vorzutragen und zu beenden. Die Abschnitte der Tora wurden in 54 "Sidrot", Ordnungen, eingeteilt, nach dem Maximum der Anzahl der Schabbatot, die es in einem Schaltjahr gibt (es hat 56 Schabbatot, jedoch fallen mindestens zwei Schabbatot an Feiertagen). So wird jeden Schabbat eine Sidra vorgelesen. Es kommt aber oft vor, dass an einem Schabbat zwei Abschnitte gelesen werden, z.B. in einem gewöhnlichen Jahr, das nur 50 oder 51 Schabbatot hat. Aber auch in einem Schaltjahr kann es vorkommen, dass zwei Abschnitte gelesen werden, und zwar dann, wenn mehr als zwei Schabbatot auf einen Feiertag fallen. An einem Feiertag wird nicht der reguläre Wochenabschnitt gelesen sondern es wird ein Abschnitt gelesen, der das jeweilige Thema des Festes behandelt.

Die Sidra "Berejschit" wird am ersten Schabbat nach Schemini Azeret bzw. Simchat Tora gelesen. Man beendet die Vorlesung der Tora in Erez Jisrael am Schemini Azeret und in der Diaspora am zweiten Feiertag, am Simchat Tora. Zu Ehren des Abschlusses wird ein feierliches Essen veranstaltet, man ist fröhlich, tanzt und singt – all dies zu Ehren der Tora. So heisst es: "Wajikaz Schlomo … da erwachte Schlomo und siehe, es war ein Traum gewesen (prophetischer Geist ruhte auf ihm), und als er nach Jeruschalajim kam, trat er hin vor die Bundeslade G"ttes, brachte Ganzopfer dar, bereitete Friedensopfer und machte ein Mahl für alle seine Diener" [Melachim I 3:15]. Hierzu bemerken unsere Weisen in Midrasch Kohelet 1: "Von hier lernen wir, dass man ein Festmahl vorbereitet und sich freut, wenn man das Toravorlesen beendet hat."

Nichts ist uns geblieben, nur diese Tora

Die Weisen der späteren Generationen geben uns einige Hinweise betreffs Simchat Tora und Schemini Azeret: Während der sieben Festtage erfreute sich das Volk Jisrael mit den Mizwot: Lulaw, Etrog, Hadass und Arawa sowie mit dem Wassergiessen und den Umzügen mit den Arawa-Zweigen um den Altar. Wenn nun Schemini Azeret kommt, sagt Jisrael zu G"tt: Heute haben wir weder Sukka noch Lulaw, weder Wassergiessen noch Arawa, nun bleibt uns nur noch die Tora übrig, mit der wir uns erfreuen können.

Die Freude mit der Tora bedeutet die höchste Freude. Es ist eine immerwährende Freude, sie kann nie aufhören, noch verringert werden. Zwar ist der Tempel zerstört und Jeruschalajim verwüstet worden, das Volk Jisrael ist unter die Völker zerstreut worden, doch die Freude an der Tora hat niemals aufgehört und niemals nachgelassen. So sagen unsere Weisen (Berachot 8a): Seitdem das Heiligtum zerstört wurde, blieben G"tt nur noch vier Ellen von der Halacha übrig (gemeint sind die Orte, an denen Tora gelernt wird). Die G"ttliche Anwesenheit ist aber nur an solchen Orten, an denen Freude waltet, dort gibt es weder Trauer noch Zerstörung. Von dem Tag an, an dem das Heiligtum zerstört wurde, ist die ganze Welt öde und wüst geworden. Von der Zerstörung war alles betroffen, selbst die Kraft der Mizwot. Nichts war mehr wie vorher. Nur die Tora und die vier Ellen der Halacha blieben unangetastet. Dort blieb die Freude unversehrt, wie vor der Zerstörung. Darum weilt die Schechina – die G"ttliche Anwesenheit – noch dort und freut sich zusammen mit Jisrael am Simchat Tora.

Jenseits der Zeit

Die Tora benutzt das Wort "Schana – Jahr" im Zusammenhang mit dem Sukkotfest: " … WeChag Ha'Assif Tekufat HaSchana – und ein Fest der Ernte bei der Jahreswende" [Schemot 34, 22]. Ebenso heisst es: "Wechagotem Oto Chag LaSchem Schiw’at Jamim BaSchana … - Feiert es als G"ttesfest sieben Tage im Jahr" [Wajikra 23, 41]. Im Zusammenhang mit den anderen Festen wird das Wort "Jahr" niemals erwähnt. Dies soll uns ein Hinweis sein: Die sieben Sukkottage sind die Grundeinheit des gesamten Jahreszyklus. Alles, was unter den Begriff "Zeit" einzuordnen ist, bewegt sich in einem Zyklus von sieben Tagen, so wie die sieben Schöpfungstage. Jede zusätzliche neue Woche ist nichts anderes als Wiederholung der vergangenen Woche. Eine Woche im Jahr jedoch umfasst alle anderen Wochen. Es ist dies die Woche des Sukkotfestes. Überfluss und Segen des ganzen Jahres entspringen diesen sieben Tagen, und von ihnen nährt sich das gesamte Jahr. Darum heisst es bei diesem Fest "Schiw’at Jamim BaSchana – sieben Tage im Jahr" und "bei der Wende des Jahres".

Die Zahl "acht" jedoch ist jenseits der Zeit, sie steht über der Zeit. Was steht über der Zeit? Damit kann nur die Tora gemeint sein. So soll denn Jisrael, das auch jenseits der Zeitbegrenzung steht, sich mit der Tora, die zeitlos ist, am achten Tag, an Schemini Azeret freuen, am Tag, der ausserhalb und über der Zeit steht. Darum heisst es: "BaJom HaSchemini – am achten Tag - soll euch Azeret sein".

Zwischen Mir und euch

Unsere Weisen sagen über das Opfer von Schemini Azeret, "nur einen Stier" (wie schon erwähnt), mit der Bedeutung, nur eine kleine Mahlzeit, denn der Heilige, gelobt sei Er, sagt: Lasst uns diese gemeinsam verzehren, kein anderer soll daran Anteil haben. Diese "kleine Mahlzeit" ist eine Anspielung auf die Tora, denn so heisst es, "Tora Ziwa Lanu Mosche Morascha Kehillat Ja’akow – die Lehre, welche uns Mosche geboten, sie ist das Erbgut von Ja’akows Gemeinde" [Dewarim 33, 41]. Lies nicht "Morascha", Erbgut, sondern "Me'urassa", Angetraute. Die Tora ist Jisraels Braut, sie sind Eheleute und freuen sich miteinander wie Braut und Bräutigam. Andere Nationen haben an der Tora keinen Anteil. Die Fürsten aller anderer Nationen erhielten ihren Anteil: den Tau des Himmels und fruchtbares Land, so wie es im Segen Jizchaks an Ejsaw zum Ausdruck kommt. Auch wurden für sie die siebzig Stiere am Sukkot geopfert. Nun kann das Volk Jisrael sich am Simchat Tora alleine an der Tora erfreuen, die in der Schatzkammer des Heiligen, gelobt sei Er, aufbewahrt ist.

Simchat Tora und seine Bräuche

Nach dem Maariwgebet werden alle Torarollen aus dem Toraschrein herausgenommen. Sie werden siebenmal um die Bima herumgetragen, und die ganze Gemeinde tanzt freudig mit. Man bittet darum, dass der Heilige, gelobt sei Er, das Verdienst der sieben treuen Hirten geltend mache, dass unsere Gebete die sieben Himmelssphären durchbrechen, vor den G"ttlichen Thron aufsteigen und in Wohlgefallen aufgenommen werden sollen. Genau so verfährt man auch am Morgen beim Schacharitgebet. In einigen Gemeinden ist es Brauch, ein Licht in den Aron Hakodesch – den Toraschrein – zu stellen, damit der Schrank nicht ohne Licht bleibe. So sei an dem Ort, an dem gewöhnlich das Licht der Tora leuchtet, ein anderes Licht. In vielen Gemeinden ist es Brauch, am Abend von Simchat Tora aus der Tora vorzulesen. An keinen anderen Festabenden wird dies getan. Die Auswahl der Abschnitte ist unterschiedlich. Manche rufen drei Personen für "WeSot HaBeracha" auf, manche lesen drei verschiedene Stellen der Tora, die Segen enthalten: 1. [Bereschit 27:28-29] "Wejiten Lecha … ", den Segen des Himmeltaus, mit dem Jaakow von seinem Vater Jizchak gesegnet wurde, 2. [Bereschit 48:16] "HaMal’ach Hagoel" – den Segen, den Jaakow seinen Enkeln Efrajim und Menasche zuteilwerden liess, und 3. den Priestersegen aus dem Wochenabschnitt "Nasso" [Bamidbar 6:22-27]. Zwischendurch singt die ganze Gemeinde frohe Lieder zu Ehren der Tora.

Beim Schacharitgebet wird "WeSot HaBeracha" gelesen, und da alle Anwesenden aufgerufen werden sollen, wird der Abschnitt mehrere Male wiederholt. Das Vorlesen wird mit dem Aufrufen von drei besonderen Personen beendet. Der erste wird im Namen aller Kinder aufgerufen, bevor die letzten Verse der Tora gelesen werden. Ein junger Mann – er muss schon Bar Mizwa sein, also über 13 Jahre – wird im Namen aller anwesenden Kinder und mit ihnen aufgerufen. Man breitet einen Tallit über sie alle aus, wie eine Chuppa – ein Traubaldachin – und sie rezitieren gemeinsam mit dem aufgerufenen jungen Mann die Beracha über die Tora. Danach sagen alle gemeinsam "Hamalach Hagoel". Der letzte, der zum Sefer Dewarim aufgerufen wird, ist der Rabbiner oder ein ehrwürdiges Mitglied der Gemeinde. Er wird "Chatan Tora" – Bräutigam der Tora – genannt. Es ist, als ob die Tora seine Angetraute sei, und er der Bräutigam der Tora. Ist nun das Vorlesen des letzten Abschnittes der Tora beendet, so ruft die ganze Gemeinde "Chasak Chasak Wenitchasek" aus.

Danach wird der "Chatan Berejschit" zur zweiten Torarolle aufgerufen. Er liest "Berejschit bara …" bis "ascher bara Elokim la'assot" [Bereschit 1:1–2:3]. Nach ihm wird der "Maftir" zur dritten Torarolle aufgerufen, aus der man die Opferordnung des Tages vorliest. "Bajom Haschemini Azeret Tihje …" [Bamidbar 29:35-30:1].

Es ist ein Brauch, dass der "Chatan Tora" die ganze Gemeinde am Simchat Tora zu einer Festmahlzeit einlädt.

Die Tora ist immer neu

Warum beginnt man am Simchat Tora mit dem Anfang von "Sefer Berejschit"? Am drauffolgenden Schabbat wird ja Paraschat Berejschit gelesen! Unsere Weisen sagen: "Dies will uns zeigen, dass die Tora von uns geliebt wird, wie etwas Neues, und nicht wie eine altherkömmliche Anordnung, an die der Mensch gewöhnt ist. Die Tora ist immer wieder neu, und man geht ihr mit Freuden entgegen (Sifri, Paraschat Wa'etchanan).

Weiter heisst es im "Chemdat Hajamim", aus den Midraschim zitiert: "Wenn Jisrael die Tora beendet, stellt sich der Satan – der Strafengel – vor den Heiligen, gelobt sei Er, und tritt vor Ihm als Ankläger auf. Er sagt: Jisrael lernt zwar Tora, aber beendet sie niemals. Wenn sie aber am Simchat Tora die Toravorlesung abschliessen, sagt der Heilige, gelobt sei Er, zum Satan: Sieh nur, sie haben die Tora beendet. Da antwortet er: Wohl haben sie sie beendet, doch nicht wieder von neuem begonnen. Wenn nun Jisrael das Buch Berejschit zu lesen beginnt, sagt G"tt: Siehst du, sie haben wieder begonnen, nun hast du keinen Grund zur Anklage mehr."

 

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Die Bearbeitung dieser Beiträge erfolgte durch Mitarbeiter des Jüfo-Zentrums in Zürich

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