Was bedeutet diese Gemara (Talmudabschnitt)?
Diese Gemara muss im übertragenen Sinn verstanden werden. Ein Mensch, der dauernd grosse Schritte macht, d.h. ein Mensch, der immer in Eile ist, bewirkt damit, dass sein Blickwinkel leidet. So ein Mensch hat keine Zeit zum Innehalten und Nachdenken. Nicht seine physische Sehfähigkeit, sondern eher seine SICHT - seine Sicht aufs Leben - verschlechtert sich. Welches Gegenmittel gibt es? Kiddusch und Havdala. Kiddusch und Havdala versinnbildlichen Abschnitte im Leben. Der Mensch muss wissen, dass es einen Unterschied gibt zwischen heilig und profan. Über diese Unterschiede müssen wir nachdenken und uns damit auseinandersetzen.
Die Gemara erzählt, dass Rabbi Akiva zu Beginn überhaupt kein Wissen hatte. Mit 40 Jahren entschied er sich, dass er lernen wolle. In diesem Alter anzufangen, war eine übermenschliche Aufgabe. Was brachte ihn dazu? Der Talmud erzählt, dass er an einem Teich stand und sah, wie Wasser auf einen Stein tropfte. Während er beobachtete, wie das Wasser den Stein höhlte, dachte er sich, ´wenn Wasser sogar einen harten Stein aushöhlen konnte, kann die Torah (die mit Wasser verglichen wird) auch in meinen Kopf eindringen´.
Wieviele Menschen im Verlauf der Menschheitsgeschichte, betrachteten Wasser, das auf einen harten Stein tropfte und ihn aushöhlte, und veränderten daraufhin ihr Leben? Erst Rabbi Akiva tat dies - ein aufmerksamer Mensch, der innehielt und nachdachte. Er wurde der grosse Rabbi Akiva, weil er ein Mensch war, der sich Gedanken machte.
Es gibt Zeiten im Leben, da müssen wir kürzer treten und nachdenken. Rav Schimon Schwab berichtet, wie er einmal den Schabbat zum Wochenabschnitt Beschalach im Haus des Chafez Chajim verbrachte. Sie diskutierten über das Manna. Der Midrasch erklärt, dass das Manna genau so schmeckte, wie jeder es wünschte. Wenn du an Brathuhn dachtest, schmeckte es nach Brathuhn; wenn du Teigwaren wolltest, schmeckte es nach Teigwaren usw. Da fragten sie den Chafez Chajim, wie es denn schmeckte, wen jemand Manna ass, ohne an etwas zu denken? der Chafez Chajim antwortete: Wenn du nichts dachtest, schmeckte es nach nichts! ("oib me tracht nischt; es hat ken ta'am nischt").
Wir müssen uns die Sachen "zu Herzen nehmen". Zu stoppen und über das nachzudenken, was um uns herum vorgeht - auf der Welt, in unserer Gemeinschaft, in unserer Familie - ist eine absolute Notwendigkeit. Wenn ein Mensch durchs Leben eilt ohne zu denken, dann hat das Leben "keinen Geschmack". Dies ist ein "Leben" in der Tretmühle!
Quellen und Persönlichkeiten: Midrasch: Erklärungen zur Tora, sehr oft mit Gleichnissen. Chafez Chajim (1838-1933): Rav Jisrael Me’ir HaKohen von Radin. Autor grundlegender Werke zu jüdischem Recht und jüdischen Werten (Halachah, Haschkafah und Mussar). Rav Schimon Schwab (1908 – 1995): Rabbiner der Gemeinde Adat Jeschurun in Washington Heights, New York.
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