Home Parascha Wa'era Raw Frand zu Parschat Wa'era 5763 (Beitrag 1)
Raw Frand zu Parschat Wa'era 5763 (Beitrag 1) PDF Drucken E-Mail

Zum Nachdenken innehalten

Vor der Hagelplage wurden Pharao und die Ägypter gewarnt. Man sagte ihnen, dass ihr Land Hagel erleben würde, wie sie es noch nie erlebt hatten. Alles, was draussen auf dem Feld bleibe, werde zerstört und zerschlagen.

Die Torah berichtet, dass jeder, der G'ttes Wort fürchtete, sein Vieh und seine Habe ins Haus rettete. Nur diejenigen, die nicht auf G'ttes Wort hörten, liessen ihre Knechte und ihr Vieh auf dem Feld draussen. Der Midrasch identifiziert denjenigen, der "G'ttes Wort fürchtete" als Hiob, und denjenigen, der "nicht auf G'ttes Wort hörte" als Bilam (der Talmud sagt, dass Hiob und Bilam Berater von Pharao waren [Sota 11a]).

Wenn wir die Umstände betrachten, war jemand recht beschränkt (um nicht zu sagen "dumm"), wenn er nicht begriff, was vor sich ging. Der Hagel war bereits die 7. Plage. Zu dieser Zeit verfügte Mosche bereits über einen guten Ruf. Seine Vorhersagen waren bis jetzt immer eingetroffen. Wieso konnte Bilam nicht wenigstens einige Vorsichtsmassnahmen ergreifen? Es war doch zu befürchten, dass Mosche "vielleicht" wieder recht hatte? Die Antwort ist, dass damit Bilam’s Wesen charakterisiert wird. Er ist das Paradebeispiel für die Eigenschaft, die die Torah mit "ascher lo sam libo" bezeichnet; das heisst, dass er den Tatsachen nie Beachtung schenkte. Hier war ein Mensch, der nie innehielt, um nachzudenken, sich etwas zu überlegen oder in die Tiefe zu gehen. So einem Menschen kann man sechsmal über den Schädel hauen und nichts ändert sich; er krankt daran, dass er den Tatsachen keine Beachtung schenkt (ascher lo sam libo).

Wir finden später im Chumasch (5 Bücher Moses), dass Bilam nicht nur in Ägypten von diesem Übel geplagt wurde. Es verfolgte ihn während seines ganzen Lebens. Als Bilam angestellt wurde, um die Juden zu verfluchen, lehnte er zuerst ab. Als ihm jedoch später mehr Geld geboten wurde, erlaubte ihm G'tt zu gehen. Er stieg auf seinen vertrauten Esel und machte sich auf den Weg. Plötzlich stoppte der Esel mitten auf dem Weg. Der Esel machte keinen Schritt mehr, weil ein Engel mitten auf der Strasse stand und ihm den Weg versperrte. Bilam konnte den Engel nicht sehen, wurde wütend, fluchte und schlug den Esel. G'tt öffnete den Mund des Esels und dieser fragte Bilam daraufhin: "Benehme ich mich normalerweise so? War ich nicht alle Jahre lang dein vertrauter Esel? War ich jemals widerspenstig oder habe ich dir Schwierigkeiten bereitet?" Der Esel sagte seinem Meister mit anderen Worten: "Verstehst du nicht, dass hier etwas Aussergewöhnliches vorgeht? Wieso wächst du nicht auf und schaust nicht umher, Bilam?" Aber das war schon seit je her Bilams Problem: Er nahm keine Kenntnis von etwas Offensichtlichem. Er öffnete seine Augen nicht und bemerkte deshalb nicht, was rund um ihn herum geschah.

Der Chafez Chajim macht folgende fantastische Beobachtung: Es gibt keinen einzigen Absatz während der ganzen Erzählung über die Segen, die Bilam den Kindern Israels gab. Vom Anfang von Parschat (Wochenabschnitt) Balak über die ganze Geschichte von Bilam bis zum Verschwinden Bilams am Ende gibt es nicht einen einzigen Unterbruch. Es gibt weder einen neuen Abschnitt (neue Zeile), noch einen "geschlossenen Unterbruch" (Pause in der Zeilenmitte). Dabei ist diese Parscha sehr wohl lang genug, dass sie - wie in der Torah üblich - mehrere Unterbrüche rechtfertigen würde.

Der Chafez Chajim erläutert dies so: Der Grund für die Unterbrüche in der Torah ist, dass sie Mosche die Möglichkeit gaben, über die vorhergegangen Verse nachzudenken. Der Zweck der Unterbrüche ist, Zeit zu schaffen, um in sich zu gehen und den Inhalt zu verstehen. Parschat Balak hat keine Unterbrüche, weil Bilam nie einhielt, um nachzudenken.

Wir schauen auf Bilam hinab. Wir denken: "Wie töricht!" Aber fragen wir uns mal: Halten wir hie und da einmal an, um darüber nachzudenken, was um uns herum vorgeht? Wir leiden an der gleichen Krankheit. Unser ganzes Leben ist eine reine Hetze. Alles geht schnell - und auf zur nächsten Sache.

Wir haben eine ganze Auswahl von Helfern, die unser Leben beschleunigen. Die Wäsche muss nicht mehr von Hand gewaschen werden. Wir müssen nicht mehr unbedingt zu Fuss gehen, um unser Ziel zu erreichen. Gekocht ist in weniger als einer Stunde. Das Leben ist so einfach. Aber beobachten wir, dass unser Leben ruhiger und entspannter ist, als das unserer Eltern? Unsere Leben sind eher viel gehetzter und wir stehen mehr unter Hochdruck als unsere Eltern. Jeder ist in Eile. Alles ist so hektisch.

Muss dies so sein? Die Vorbereitung der Mahlzeit braucht weniger Zeit. wir können sie sogar fixfertig kaufen. Alles braucht weniger Zeit. Je mehr Zeit zu unserer Verfügung steht, desto mehr scheinen wir in die Tretmühle zu geraten. Und so versuchen wir zu hetzen, versuchen, noch mehr zu erreichen. Und wenn jemand in Eile ist, hält er nicht ein, um nachzudenken.

Dies ist ein schreckliches Übel. Es kann so schlimm werden, dass jemand 6 Wunder erlebt und ihm dies keinen Eindruck macht.

Ich las einmal eine interessante Beobachtung von Rav Ze'ev Leff. Im Talmud [Brachot 43b] lehrt der Lehrer, dass man keine grossen Schritte machen soll. Grosse Schritte verringern nämlich die Blickschärfe um ein Fünfhundertstel. Das Gegenmittel, so wird gelehrt, sei Kiddusch (der Segen beim Eintritt des Schabbat).


Quellen und Persönlichkeiten:
Midrasch: Erklärungen zur Tora, sehr oft mit Gleichnissen.
Chafez Chajim (1838-1933): Rav Jisrael Me’ir HaKohen von Radin. Autor grundlegender Werke zu jüdischem Recht und jüdischen Werten (Halachah, Haschkafah und Mussar).
Rabbi Ze'ev Leff: Rabbi und Rosch Jeschiwa im Moschav Matitjahu, Israel.



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