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Warum man einem Bus auf der Coney Island Avenue den Vortritt lassen sollte

Die Parscha (Wochenabschnitt) enthält einen berühmten Vers: „ Lasst uns einen Menschen erschaffen in unserm Ebenbild, nach unserem Vorbild.“ [Bereschit 1:26]. Daraus entnehmen wir, dass der Mensch im Ebenbild G`ttes erschaffen wurde.
Die Mischna lehrt, dass jemand, der eine andere Person öffentlich demütigt, seinen Anteil an der künftigen Welt verliert. Der Tosfot Jom Tov erklärt, dass die Schwere dieser Strafe dem Umstand zuzuschreiben ist, dass diese Person in die Kategorie „Ki Dewar Haschem Basah“
(Denn er hat G`ttes Wort verachtet – Bamidbar 15:31) fällt. Warum? Weil der Mensch im Ebenbild G`ttes erschaffen wurde und er somit das Resultat von G`ttes Wort ist.
Wenn jemand eine andere Person beschämt, so ist dies nicht nur eine Beleidigung dieser Person. Es ist eine Beleidigung G`ttes, durch dessen Worte diese Person erschaffen wurde. Dadurch missachtet man das Wort G`ttes. Respektlosigkeit gegenüber einem Mit-
menschen ist gleichzusetzen mit der Respektlosigkeit gegenüber G`tt.
Dieser Zusammenhang erfordert unsere fortwährende Aufmerksamkeit. Ein Mensch ist ein Ebenbild G`ttes. Wir nehmen Menschen als Selbstverständlichkeit hin, aber wir haben es zu tun mit Wesen, die buchstäblich das Wort G`ttes reflektieren. Niemandem würde es einfallen, ein Sefer (heiliges Buch) auf den Boden zu werfen. Niemand würde sich einer Torahrolle nähern, um sie zu beschämen oder zu verfluchen. Der Tosfot Jom Tov möchte uns lehren, dass jemand, der einen anderen Menschen verflucht, sich so verhält, wie wenn er eine Torahrolle verflucht. „Denn er hat das Wort G`ttes verachtet“.

Kürzlich habe ich eine Geschichte über Rav Jakov Kaminetsky gehört: Rav Jakov befand sich auf einem Spaziergang in Williamsburg an einem Schabbat, als ein nichtjüdischer Trauerzug an ihm vorüberzog. Rav Jakov änderte die Richtung, in der er ging und begann, die Trauergesellschaft einige Schritte zu begleiten. Rav Jakov`s Sohn, der dabei war, fragte ihn ungläubig, was er da mache. Rav Jakov antwortete: “Das Gesetz verlangt, dass man einen Toten begleiten solle – sogar an einem Schabbat. “Sein Sohn blieb beharrlich: “Aber du kennst ja den Toten nicht einmal.“ Rav Jakov erklärte, dass dies keinen Unterschied mache: “Alle Menschen sind im Ebenbild G`ttes erschaffen worden.“ Dies ist eine aufrüttelnde Geschichte für uns.
Ich habe noch eine andere derartige Geschichte über Rav Jakov gehört. Rav Jakov befand sich in einem Auto mit Fahrer auf der Coney Island Avenue in Brooklyn, New York. Der Verkehr dort ist immer hektisch und nervenbelastend. Da bemerkte der Fahrzeuglenker einen Stadtbus, der gerade im Begriffe war, die Haltestelle zu verlassen und auf die Fahrbahn einzuspuren. Jedermann weiss, dass dies das Letzte ist, was sich ein Autofahrer wünscht – hinter einem Bus auf der Coney Island Avenue festzustecken. Wie jeder andere Fahrer auf der Welt es tun würde, drückte auch er aufs Gaspedal, überholte den Bus geschickt und positionierte sich vor dem Bus. Rav Jakov stellte ihn zur Rede und fragte, warum er das gemacht habe. „Wo bleibt das Ehrgefühl vor der Allgemeinheit?“
Rav Jakov fand, dass wegen dem Gesetz, die Gemeinschaft zu ehren, dem Bus der Vortritt hätte gewährt werden sollen. Solch eine Haltung entspricht der geistigen Stufe eines Menschen, der die Wichtigkeit des Konzeptes der Erschaffung des Menschen im Ebenbild G`ttes verinnerlicht hat.
Das ist eine fortwährende Aufgabe für uns – uns immer vor zu Augen führen, mit wem wir es zu tun haben.

„Adam“ – schlussendlich keine schlechte Namensgebung

Später in der Parscha finden wir, dass Adam „Allen Wesen Namen gab...[2:20]“. Der Midrasch führt aus, dass G`tt die Engel aufforderte, allen Geschöpfen Namen zu geben, aber sie konnten es nicht. G`tt zeigte ihnen damit, dass Adam grösser war als sie, denn Adam war imstande, allen Geschöpfen der Welt einen Namen zu geben.

Hebräische Namen, anders als Namen in einer anderen Sprache, sind nicht einfach und ausschliesslich Bezeichnungen. Den Tieren hebräische Namen zu geben, erforderte Kenntnis über deren inneres Wesen. Das hebräische Wort „Schor“, beispielsweise widerspiegelt das körperliche und geistige Wesen eines Ochsen. Dasselbe gilt auch für alle anderen Geschöpfe auf dieser Welt. Diese Aufgabe konnten die Engel nicht erfüllen.

(Rav Samson Rafael Hirsch verbindet das Wort `Schem`[Name] mit `scham`[dort]. Die Zuordnung eines Namens beschreibt demnach, wo sich ein Geschöpf befindet.)

Dann erzählt der Midrasch, dass G`tt Adam aufforderte, sich selbst einen Namen zu geben, worauf Adam antwortete, dass ADAM der passende Name für ihn wäre, „weil ich aus der Erde (ADAMA) erschaffen worden bin“.

Hier versagte Adam dem Anschein nach. Als er den Ochsen benennen sollte, war Adam imstande, sein körperliches und geistiges Wesen zu erfassen und ihm den Namen `Schor` zu geben. Er gab sich nicht mit Oberflächlichkeit und Oberfläche ab. Aber, als er sich selbst einen Namen geben sollte, machte er anscheinend eine einfache Schlussfolgerung. Ich soll ADAM heissen, weil ich aus der ADAMA erschaffen wurde.

Der Alte von Slobodka sagt, dass dies eine grossartige Einsicht von Adam war. Die ständige Herausforderung für den Menschen ist, sich immer daran zu erinnern, dass er aus dem Boden stammt. Der Mensch kann tatsächlich die höchste Stufe von Heiligkeit erreichen. Seine Weisheit kann wirklich grösser werden als diejenige von Engeln, aber sie kann in einem Sekundenbruchteil wieder zunichte gemacht werden. Der Mensch ist sehr menschlich und instabil, weil er schlussendlich dem Staub der Erde entstammt.

Ungeachtet dessen, wie sehr ein Mensch seelisch gewachsen ist, wenn er falsche Schritte unternimmt, kann er wieder dorthin zurückfallen woher er kommt, Adam /Adama– Staub.
Trotz seines Potentials und seiner Grösse ist der Mensch sehr erdverbunden und auf Materie bezogen.

Viele staunen über die Wahl des Torahabschnittes am Nachmittag des Jom Kippur. Am Morgen lesen wir einen Torahabschnitt aus Acharej Mot, welcher den Dienst des Hohenpriesters im Heiligtum und im Allerheiligsten (Wajikra 16) beschreibt. Wir erbauen uns seelisch an der Beschreibung des Tempeldienstes.

Jedoch zur Mincha-Zeit des Jom Kippur, lesen wir das Kapitel über verbotene sexuelle Beziehungen (Wajikra 18). Wir werden gewarnt davor, keine Inzucht zu begehen, sowie vor anderen Formen von sexuellem Vergehen. Wir werden sogar vor bestialischen Handlungen gewarnt, also vor dem Niedrigsten des Niedrigen. Ist das für Jom Kippur angebracht? Konnten denn unsere Weisen nicht einen erhebenderen Torahabschnitt finden als diesen?

Die Antwort darauf ist, dass wir genau das am Jom Kippur hören sollen. Wir dürfen ja nicht den Fehler begehen, zu glauben, nur weil wir fähig sind engelsgleich auf Wolken zu schweben, dies alles könne nicht in sich zusammenfallen, und zwar bereits am Tag nach Jom Kippur. In der Schlussanalyse müssen wir immer daran denken, dass wir körperlich sind, eben keine Engel. Ein Teil des Menschen ist sehr, sehr verbunden mit dieser Welt, mit weltlichen Freuden und weltlichen Gelüsten. Adam verstand diesen Sachverhalt und gab sich einen Namen, weswegen er niemals denken konnte, dass er darüber stehe. Es ist immer machbar und immer möglich, zurückzufallen.
Wir unterliegen menschlichen Versuchungen und wir müssen uns ständig vor ihnen in Acht nehmen.



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