G’tt schenkt denen, die es brauchen, besondere Beachtung
Die Torah lehrt: „Das Land wird sein Früchte geben, ihr werdet euch sattessen und ungefährdet darin wohnen. Wenn ihr aber sagt: Was sollen wir im siebten Jahre essen, wir dürfen ja nicht säen und den Ertrag einsammeln? – Ich will an euch Meinen Segen im sechsten Jahre entbieten und es soll den Ertrag für drei Jahre bringen.“ [Vajikra 25:19-21]
Der Sforno weist darauf hin, dass G’tt erst im Anschluss an die Frage „Was werden wir essen?“ Segen über das Land bringt. Daraus können wir schliessen, dass kein Segen erteilt wird, wenn diese Frage nicht gestellt wird.
Der Sforno bemerkt, dass es zwei Arten von Juden gibt. Die erste Art ist der Jude, der weiss, dass Schmitta und Jovel näher rücken. Es ist ihm bewusst, dass er zwei volle Jahre lang keine Samen pflanzen darf, aber er stellt keine Fragen. Er fragt nicht: „Was wird wohl sein? Wie werde ich überleben?“ Der Sforno sagt, dass dieser Jude nicht in den Genuss einer übernatürlichen, überreichen Ernte im Vorjahr von Schmitta kommt. Für ihn wird ein anderes Wunder eintreten: Er wird nicht mehr benötigen, als die normale Ernte im sechsten Jahr einbrachte.
Einige kommen mit $ 50'000.- im Jahr über die Runde. Andere brauchen $ 100'000.-, um durchzukommen. Es hängt von den Ausgaben ab, wie viel ein Mensch benötigt. Der Sforno sagt, dass ein wirklich gläubiger Jude nie die Frage stellt: „Wie werde ich über die Runde kommen?“ Er braucht die überreiche Ernte nicht. Was er erhält, wird in den Worten von Sforno so umschrieben: „Er wird in seinem Inneren gesegnet“. Er braucht das Geld gar nicht. Sein Vermieter wird zu ihm kommen und sagen: „Weißt du was? Du brauchst mir die Monatsmiete nicht zu bezahlen, weil du so ein netter Kerl bist!“ Die Bank wird plötzlich den Hypothekarzins senken: Statt 8% wird er auf einmal nur noch 2% zahlen müssen. So läuft es. Er wird kein höheres Einkommen beziehen. Das Korn wird sein Einkommen nicht auf einen Schlag verdreifachen, aber er wird finanziell durchkommen. Das Wunder wird nicht sein Einkommen verdreifachen, sondern seine Ausgaben auf einen Drittel senken.
Der andere Jude, so sagt Sforno, hat nicht das gleiche, tiefe G’ttvertrauen. Der Gedanke, dass er im 7. Jahr und ihm Joveljahr nicht pflanzen darf, ängstigt ihn. Deshalb wird im sechsten Jahr ein Wunder geschehen, um seine Furcht zu vertreiben. G’tt wird für ihn ein Wunder vollbringen und ihm sozusagen die Hand halten, damit er in den nächsten zwei Jahren kein Nervenbündel ist.
Sfornos Beschreibung scheint uns jedoch nicht fair. Wir denken, dass die Person, welche überhaupt nicht fragt, ohne Zweifel der grössere Zaddik (Gerechter) ist. Er sollte derjenige sein, der zu Beginn das offensichtliche Wunder erleben sollte. Wieso sollte der Kleingläubige die Prachtsernte im sechsten Jahr einfahren? Wieso erhält der Fragesteller von G’tt eine Spezialbehandlung?
Von Rabbi Zeev Leff sah ich eine sehr interessante Erklärung zu dieser Frage. Auch wir haben verschiedene Kinder. Einige davon benötigen ein bisschen mehr Hilfe und Zuwendung, Betreuung und Ermutigung als die anderen. Genauso geht es G’tt mit Seinen Kindern.
G’tt blickt auf Seine Nation, er schaut auf Seine Kinder und sagt: „Dieses Kind braucht ein bisschen mehr.“ Für den Juden, der keine Frage stellt, wird sicherlich gesorgt. Er steht aber auf einer höheren Stufe. Er benötigt nicht die „liebevolle Zuneigung“, die der ängstliche Jude braucht, welcher nicht weiss, wie er über die Runden kommen soll, wenn er die Torah hält. „Dies ist das Kind, welches „eine Schulter braucht, an die es sich anlehnen kann“. Es braucht ein wenig mehr Zuwendung. Es muss ein wenig länger als die anderen Kinder auf Meinem Schoss sitzen. Ich werde ihm diese Zuwendung gewähren, auch wenn es nicht auf der gleichen Stufe steht, wie das andere Kind. Weil es dies BRAUCHT, werde ich es ihm gewähren.“
Wir können daraus die folgende Lehre ziehen: G’tt zeigt uns gegenüber unendlich viel Geduld. G’tt sorgt für uns, auch wenn wir nicht auf der Stufe stehen, auf der wir sein sollten – auch wenn wir es eigentlich schon begriffen haben sollten. Auf die gleiche Weise sollten wir G’tt nachahmen, wenn es darum geht, wie wir unseren Ehepartner und unsere Kinder und sogar uns selbst behandeln („Ma Hu, gam ata“). Auch wenn sie oder wir „es eigentlich schon begriffen haben sollten“, müssen wir Geduld zeigen und die Zurückhaltung, Zuwendung und Aufmerksamkeit gewähren, welche in dieser Lage angebracht ist.
Quellen und Persönlichkeiten: Rav Ovadia ben Ja’akov Sforno (1470 – 1550); Rom und Bologna, Italien; klassischer Chumascherklärer. Rabbi Ze'ev Leff: Rabbi und Rosch Jeschiwa im Moschav Matitjahu, Israel.
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